Michael Schindhelm | DSHAMILJAS ENKEL (UNTERWEGS IN KIRGISISTAN)

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Dshamiljas Enkel (Unterwegs in Kirgisistan)

Wir lieben Puenktlichkeit, sagt der Mann mit dem korrekt gestutzten Schnurrbart, und schaut auf die schlichte, kreisrunde Uhr aus Buchenholz an der Balustrade. Sie koennte in einem Wartesaal haengen. Aber das ist kein Wartesaal. Die Uhr zeigt auf fuenf vor Zwoelf. Rechts daneben steht in Holzlettern: Heiligkeit ist die Zierde deines Herrn. Wir sind in einer Kirche. Der Gottesdienst ist vorueber. Der Mann mit dem Schnurrbart ist der Prediger. Wenn er zu seiner Gemeinde spricht, hat er die Uhr im Auge. Wir vergessen die Puenktlichkeit nicht, wenn wir zu Gott beten, sagt er in einem beschwingten Russisch. Links neben der Uhr steht der Spruch ueber die Heiligkeit als Zierde auch in dieser Sprache. Wir sind nicht in Deutschland. Wir sind in Lyuksemburg. Lyuksemburg liegt in Kirgisistan. Aber wo liegt Kirgisistan?

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Kirgisistan liegt in Zentralasien. Nach Berlin sind es von hier aus fuenftausend Kilometer, an die afghanische Grenze nur ein paar hundert. Doch Lyuksemburg ist eine deutsche Gruendung. Seit hundertfuenfzig Jahren haben sie hier gelebt, Bauern und Handwerker, deren Vorfahren aus einem Winkel der Suedukraine oder Ostpreussens gezogen kamen. Viele Russlanddeutsche waren im August 1941 aus der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik an der Wolga auf Stalins Befehl in den Osten deportiert worden, in kasachische und sibirische Arbeitslager. Mehr als eine Million Menschen, ab in den Viehwaggon, ihrer nationalen Zugehoerigkeit wegen eine angebliche Kriegsgefahr, nachdem Nazi-Deutschland angegriffen hatte. Zehntausende starben als Arbeitssklaven unter der Folter, an physischen Qualen, Hunger und Krankheit. Ihnen wurde bis heute keine Rehabilitation zuteil.

Die ersten Deutschen in Kirgisistan waren jedoch Taeufer, Mennoniten. Die Taeufer sind eine scheue Kirche, die den Militaerdienst ablehnt und die Trennung von Staat und Kirche fordert. Jedes Mitglied darf das Priesteramt ausueben. Waehrend der Reformation hatte das Deutsche Reich die Todesstrafe fuer Taeufer erlassen und den allmaehlichen Exodus nach Westeuropa, Amerika und Russland ausgeloest. Sie bauten sich auch in der zentralasiatischen Steppe neue Doerfer und neue Kirchen.

Lyuksemburg wurde ein solches Dorf, und diese Kirche hier mit der Uhr an der Balustrade ist eine solche Kirche. Der geflieste und sorgfaeltig gefegte Boden, die schlichten Holzbaenke und die kahlen weissen Waende, von denen Bibelsprueche in drei Sprachen (auch Kirgisisch) den Besucher in eine feierliche Stimmung bringen sollen, das alles erinnert an die Gebetshaeuser der Adventisten. Nichts in diesen vier Waenden laesst die staubigen Pisten erahnen, die hinter ihnen vorbeiziehen, den grundlosen leeren Himmel darueber, die Praerie, die sich allmaehlich die Siedlung Lyuksemburg zurueckholt.

Wir lieben die Ordnung, wie alle Deutschen, sagt der Mann mit dem Schnurrbart. Nicht nur die Heiligkeit, sondern auch die Sauberkeit ist eine Zierde. Er selbst ist Russe. Das Predigen hat er in Kasachstan gelernt, wo es nach wie vor groessere deutsche Gemeinden gibt. Die Taeufer von Lyuksemburg sind heute fast ausschliesslich Russen oder Kirgisen. Deutsch wird meist nur gepredigt, wenn Besuch da ist. Wenn Weggegangene unter ihnen sind, kurzfristig vom Heimweh Zurueckgerufene. Sonst wird der Gottesdienst in Russisch gehalten. In einer Kabine neben der Empore mit der Kanzel sitzt ein Uebersetzer und uebertraegt ins Kirgisische. So ist es die Regel. Mennonitischer Trost und mennonitische Erbauung fuer die Nachfahren von Steppennomaden in der Sprache Lenins. Der Begriff Softpower kommt einem in den Sinn. Das ist es, was die Deutschen hier hinterlassen haben. Puenktlichkeit, Ordnung und einen festen Glauben.

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Die meisten von ihnen sind laengst nach Westen gezogen, nach Nordrhein-Westfalen oder Kiel, in eine Heimat, die sie zuvor nicht gekannt haben und die von ihnen so gut wie keine Notiz genommen hat. Viele von ihnen, sagt der Mann in der Kirche, fuehlten sich dort nicht besonders heimisch. Deutschland ist eben ein sehr fernes und fremdes Land… Und hier? Der Mann guckt auf die Uhr. Jetzt ist es fuenf nach Zwoelf. Er zeigt seine tadellosen Schneidezaehne und ein charmantes Laecheln. Wir lieben den Glauben, sagt er dann. Wir lieben Gott. Er allein weiss, wo wir hingehoeren. Jeder muss mit ihm und mit sich selbst ausmachen, wo er sein Zuhause haben soll.

Das Leben sei nicht einfacher geworden, gibt er zu. Und wird nachdenklich. Frueher haetten sie hier ein richtiges Orchester gehabt. Wir lieben die Musik. Immerhin, einen kleinen Chor gaebe es noch, aber deutsche Lieder singen sie nicht mehr. Die Erwachsenen kaemen schon klar. Fuer die Kinder sei es schwierig. Was sollen sie auch machen, wenn man sie auf der Strasse oder in der Schule haenselt, weil sie in die Kirche gehen? Ihnen zuruft, sie sollten sich nach Hause scheren? Nach Hause, das ist Deutschland.

Die Kirche ist unsere Heimat, sagt der Mann weiter. An diesem Ort haette man seinen Vorgaengern in den spaeten Fuenfzigern erlaubt zu bauen. Die Kirgisen seien in der Zeit nach Stalin toleranter gegenueber den verbannten Deutschen gewesen als die Kasachen oder Usbeken. Von den Russen ganz zu schweigen. Mitte der Achtziger war das Gebaeude jedoch ruiniert. Zentralasiatischer Moertel haelt die heissen Sommer und die Winterfroeste nicht lange durch. Waehrend der Perestroika durften sie dann renovieren. Das Projekt lief unter „Rekonstruktion“. Genauso, wie die Perestroika selbst. Der Mann setzt wieder sein Laecheln auf. Wir haben es aber besser gemacht als Gorbatschow. Wir haben uns an das Gesetz gehalten, das alte Gebaeude stehengelassen und das neue drum herum gebaut. Ordnung muss sein. Wir lieben die Ordnung. – Und die Ruine? Die haben wir danach abgerissen. Als sich die Behoerden nicht mehr um uns gekuemmert haben.

Draussen herrscht der duerre kirgisische September. Die Luft wirkt wie verduennt und flirrt in der Hitze. Jeder aus der Weite aufragende Gegenstand wirkt vielfach vergroessert und raetselhaft. Die verlassenen Plattenbausiedlungen und Industrieanlagen sind letzte Spuren einer laengst untergegangenen Zivilisation.

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Da ist ein Friedhof, die wuchtigen Grabsteine von seltsamen rostigen Gittern ueberwoelbt. Wie Kaefige, die die Seelen der Toten am Ausbrechen hindern sollen. Entlang der Strasse tauchen ab und an Siedlungen auf, Haeuser, hinter Mauern verschanzt. In verwunschenen Grundstuecken plustern sich die wilden Kronen von Obstbaeumen. Hunde kriechen aus den Kadavern von Mercedeslimousinen hervor, deren Landeskennzeichen daran erinnern, dass sie einst auf deutschen Strassen gerollt sind, und die hier irgendwann ihren Geist aufgegeben haben. Wanderarbeiter tummeln sich um den zeitweiligen Quell einer gebrochenen Wasserleitung. In den Luecken zwischen den Hoefen hocken fette Nager. An einem Tor wirbt jemand mit ungelenker Kreideschrift fuer sein Mikrobusiness: den Aushub von Sickergruben.

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Hinter den muerben Walmdaechern der Siedlungen stoesst die Hochebene gegen die dunkelgrauen Auslauefer des Tien-Tschan. Sie sehen wie die pummeligen Koerper von Pandas aus, die sich in der sengenden Sonne flaezen und auf deren Untergang warten. Blasse Schneefelder verschmelzen mit dem matten Blau des Himmels. Wir halten auf die Pandabuckel zu und zuckeln auf einer Piste durch das Hochtal Ala Artscha (Allahs Baum). Zu Fuss steigen wir einen Flusslauf hinauf, das Wasser hat die Farbe von Tapetenleim. Die Landschaft kippt in die Vertikale. Eine Handvoll Pferde stehen uebereinander im Geroell. Wir umrunden riesenhafte Fichten, krakenhafte Gestalten wie fossile Kreaturen. Jemand hat Hunderte von bunten Stoffschleifen an ihre wulstigen Zweige gehaengt, um ungreifbare Maechte zu beschwichtigen.

Auf einem Plateau steht zwischen Latschenkiefern eine Jurte. Ein Mann winkt mich heran, oeffnet das Zelt und luepft seine Baseballkappe, um mich hereinzubitten. Die Jurte ist bis auf ein mit Plastiktuch ueberzogenes Bettgestell leer. Wo ich herkomme, will er wissen, und wo ich hin will. Ich sage ihm, dass ich nur so herumstreune und gleich nach unten zurueckkehren werde. Er gibt zu, dass die Jurte unbewohnt ist und er in einem Wohnwagen tiefer im Tal wohnt. Die Jurte betreibt er nur tagsueber fuer die hier vorbeikommenden Touristen. Alle haben mich fotografiert, erklaert er mir und deutet auf meine Kamera. Sie kommen aus Amerika, Korea, England, um von mir hier oben ein Bild zu machen. Du bist der beruehmteste Kirgise, sage ich zu ihm. Er zeigt mir seinen zahnlosen Mund. Dann wird er ernst. Ich bin er letzte Kirgise, sagt er. Die anderen sind alle in die Stadt abgewandert. Ich bleibe hier. Die Berge sind es, wo ich hingehoere. Ich mache das Foto vom letzten Kirgisen, schuettele seine knochige Hand und trete ins Freie. Irgendwo hinter der Jurte geht es ueber siebentausend Meter in die Hoehe. Und dahinter liegt Afghanistan.

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Es gibt eine Menge „Stans“ in der Region. Und selten loesen ihre Namen freundliche Assoziationen aus. Bis vor kurzem lebten die Leute hier auf ihren Pferden, und wenn es ihnen zu gut ging, zogen sie durch den gefraessigen Raum aus Sand, Thymian und Licht und schlugen sich gegenseitig die Koepfe ein. So jedenfalls die landlaeufige Meinung weiter westlich. Und daran hat sich wenig geaendert. An der Landschaft, den Leuten, an der Meinung. Es sind die Territorien ohne Gesetz und ohne dauerhafte Versoehnung, die auf Stan enden.

Doch Kirgisistan ist anders. Will zumindest anders sein oder werden. Kirgisistan hat seit dem Ende der Sowjetunion und der Unabhaengigkeitserklaerung vor zweiundzwanzig Jahren zwei Revolutionen und eine Reihe von Regierungen und Demokratieversuchen erlebt. Inzwischen, seit 2010, ist das Land die erste parlamentarische Republik unter den Stans (und in der weiteren asiatischen Umgebung). In seiner Hauptstadt Bishkek sind die politischen Aufs und Abs der letzten beiden Jahrzehnte als Architektur-Geschichte zu besichtigen. Viermal haben Regierungen neue Hauptquartiere bezogen, um sich von den jeweiligen Vorgaengern auch raeumlich zu distanzieren. Jede Wende seit 1991 war erst mit Revolte und dann mit Umzug verbunden. Jetzt wird aus einem Weissen Haus Politik gemacht. An dessen hohem Zaun erinnern Tafeln an die Gefallenen von 2010, als dieses Haus von der revolutionaeren Menge gestuermt wurde.

Inmitten dieser Topographie der wechselnden Macht befindet sich ein martialisch ausschauender Betonwuerfel, den man sich gut als das kirgisische Pentagon vorstellen koennte. Das ist das Nationalmuseum. Davor erstreckt sich ein Platz in der Groesse mehrerer Fussballstadien mit dem Standbild des aktuellen Lokalhelden Manas darauf (selbstverstaendlich auf einem Pferd). Manas, dessen heroisches antikes Schicksal in einem apokryphen Epos mit fuenfhunderttausend Versen verewigt worden ist, hat vor ein paar Jahren den einstigen Fuehrer der Weltrevolution von dieser dominanten Stellung verdraengt. Lenin, in der vertrauten Pose, die sowohl an einen Redner, der die Kameras auf sich gerichtet fuehlt, als auch an einen Verkehrspolizisten in Ausbildung erinnert, steht jetzt auf der Rueckseite des Museums. Seine ausgestreckte Rechte weist nun logischerweise in die entgegengesetzte Richtung. Aber wen kuemmert schon noch, wohin Lenin zeigt.

Die triumphalen Treppen aus poliertem Porphyr am Eingang ins Museum erinnern an einen Tempel. In seinen Anfaengen Mitte der Achtziger beherbergte dieses Gebaeude eine Replika des Moskauer Leninmuseums. Die Ausstellungsstuecke, bronzierte Plastiken, die dramatische Szenen aus einem Heldenleben festhalten, sind jetzt auf der ersten Etage zusammenedraengt und stehen sich in ihrer Operngestik ein bisschen gegenseitig im Weg. Auf der zweiten Etage erinnern archaeologische Funde und kunsthandwerkliche Sammlungen an die nomadische Vergangenheit der Kirgisen. Das Museum verkoerpert die aktuelle doppelte Geschichtsschreibung. Noch nicht ganz aus dem Kanon der Sowjetunion entlassen, noch nicht vollstaendig in der Nationalgeschichte angekommen. Die Decke zwischen den beiden Etagen zieren Fresken mit traurigen und wehleidig dreinschauenden Menschen in antikisierenden Szenen. Sieht so das Fegefeuer aus, durch das die Kirgisen auf ihrem Weg von der ersten in die zweite Etage gehen muessen?

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Wir laufen durch eine gruene Innenstadt, in der es Abend wird. Teenager patrouillieren ueber Boulevards, wie sie sich die Planer Josef Stalins ueberall zwischen Moskau und Peking ausgedacht hatten. Eine Scheibe aus milchigem Licht hat sich ueber den grundlosen Himmel geschoben. In den Kastanien ueber uns zeternde Voegel uebertoenen den Strassenlaerm. Pferdedroschken loesen sich aus dem Schatten von Zedern und nehmen die ersten Nachtschwaermer auf. Mein Begleiter, Wladimir, sagt, der oeffentliche Raum von Bishkek sei abends in zwei Lager aufgeteilt. Rings um das Konzerthaus traefen sich die einheimischen Kids, am Museum die aus den Doerfern im Umland. Man koenne den Unterschied sofort daran ausmachen, dass am Konzerthaus Skater zugange seien. Skater gaebe es nur in der Stadt.

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Wladimir ist Russe mit kirgisischem Pass. Er ist Ende Dreissig und arbeitet fuer eine der zahlreichen NGOs, die den internationalen Organisationen, die hier stationiert sind, den Weg ins Land und zu den Leuten ebnen. Nebenbei bereitet Wladimir eine Doktorarbeit in Sozialphilosophie vor. Darin wird es um die weltanschaulichen Modelle gehen, die seit der Unabhaengigkeit allmaehlich den Marxismus/Leninismus abloesen. Eigentlich ist Wladimir Musiker und freischaffender Dirigent. Wir unterhalten uns ueber die verschiedenen Vorzuege von Barockmusikern. Der Exzentriker Rameau hat es ihm angetan. Vor allem, wenn Jordi Savall dirigiert.

Ueber den daemmrigen Strassen haengen die Prospekte der Shanghai Cooperation Organization (Schanghaier Organisation fuer Zusammenarbeit). „Frieden, Stabilitaet, Wohlstand“, steht auf den Plakaten. Der Unterschied zwischen Propaganda und Werbung besteht darin, dass Werbung die Wirklichkeit uebertreibt, Propaganda das Gegenteil von ihr behauptet. Die Rhetorik dieser Plakate entstammt dem Propagandarepertoire. Ausser den Stan-Laendern der ehemaligen Sowjetunion gehoeren China und Russland zu dieser Kooperation. Alte und neue Allianzen. Krieg, Instabilitaet, Armut. So liesse sich die Lage in der Region seit den Achtzigern realistischer zusammenfassen.

Wladimir erzaehlt mir, dass Kirgisistan einer der wenigen Staaten ist, die sowohl einen russischen, als auch einen US-amerikanischen Militaerstutzpunkt haben. Die Amis ziehen demnaechst ab, die Russen bleiben. Wladimir ist ein nachdenklicher und kritischer Mensch, aber er scheint nicht ungluecklich zu sein. Er kommentiert die Ungerechtigkeiten, die er beobachtet, aber er verurteilt nicht. Zum Beispiel, dass die Amerikaner hier ohne Visum einreisen, die Kirgisen aber fuer die USA eines benoetigen. Der Durchschnittslohn liegt in der Stadt bei 300 – 400 US-Dollars, die Miete einer einigermassen vernuenftigen Wohnung kostet aber schon 200 Dollar. Man muss kein Revolutionaer sein, um sich zu fragen wie die Leute damit klar kommen sollen. Aber man muss deswegen auch nicht zur Revolution aufrufen. Die Leute geniessen hier mehr Freiheiten als irgendwo in der Region. Und um Freiheit war es doch gegangen in den beiden Revolutionen von 2005 und 2010, nicht wahr?

Wir besuchen ein Konzert. Ein deutscher und ein lokaler Lions-Club halten ein Kunstfestival ab. Kirgisische und deutsche Musiker musizieren Mozart und Stamitz. Im Foyer des Konzerthauses eine Phalanx von Buesten einheimischer Komponisten. Einige gingen auch als Stammeshaeuptlinge durch. Sowjetisches Erbe. Vielleicht nicht das Schlechteste, wenn es um Hochkultur geht. Spaeter treffen wir einen Mann, der in der staatlichen Verwaltung arbeitet. Der Mann ist um die Sechzig. Wir kommen darauf zu sprechen, dass die Frauen auf dem Lande Burkas tragen und dass das auch immer mehr in den Staedten so sei. Der Mann erzaehlt von ehemaligen Schulfreunden. Die haetten sich vor zehn Jahren Baerte wachsen lassen und liefen nun rum wie tiefglaeubige Muslime. Dabei seien sie kein bisschen glaeubiger worden. Aber die Islamisten ruehrten die Trommel. Den Sueden haben sie schon in der Hand, sagt der Mann. Gut moeglich, dass die Zentralregierung nur noch rund um Bishkek die Kontrolle hat. Sie kommen aus Pakistan, Afghanisten, Saudi Arabien, warten darauf, dass die Leute arbeitslos werden und kein Geld mehr haben, und dann kaufen sie sich ihre Seelen, indem sie sie materiell abhaengig machen. Das sind die Probleme der Demokratie, sagt der Mann. Schauen Sie nach Usbekistan. Dort ist keine Demokratie. Staatspraesident Karimov kann einfach religioese Werbung verbieten. In Usbekistan kriegen die Fundamentalisten keinen Fuss auf den Boden. Hier ist stattdessen alles erlaubt. Die Demokratie foerdert den Islamismus. Wie laesst sich sonst erklaeren, dass im Land zweitausend Moscheen gebaut worden sind, aber nur dreihundert Schulen?

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Am Rand von Bishkek liegt eine Containerstadt. Nur wohnt dort niemand. Die Container sind zu mehreren uebereinander gestapelt und in langen Fluchten aufgereiht, zwischen denen gerade genug Platz ist fuer die Breite eine Teppichrolle. Die Architekten solcher Staedte sind chinesische Haendler, die diese Art Shoppingparadiese ueber den Subkontinent verbreiten. Das Geschaeft ist besonders guenstig geworden, seit Russland und Kasachstan eine Zollunion gebildet und jenseits der Grenze die Preise angezogen haben.

Die Container funktionieren wie Sesame der Globalisierung. Hier kann der Kirgise Mobiltelefone, Buegeleisen, Bettwaesche oder Fernsehapparate kaufen, so ziemlich alles Made in China. Zu Tausenden kommen sie vom Land und ziehen durch die halbdunklen Korridore. Ein paar Bauern haben eigene Gemuesestaende, aber die meisten sind hier, um zu kaufen. Oder wenigstens, um demnaechst zu kaufen. Sobald sie es sich leisten koennen. Frauen schieben Kinderwagen durch die Menge, in denen sie Limonaden und Snacks anbieten. Fuhrleute schiessen mit scharfkantigen Karren vorueber. Ihre Schreie prallen gegen die Stahlwaende.

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Ich bin nicht zum erstenmal auf einem solchen Gelaende und habe mich selbstaendig gemacht. Diesmal werde ich von zwei Polizisten angehalten. Der eine in einer weissen, der andere in einer blauen Bluse. Sie sprechen mich auf Russisch an. Sie wollen meinen Pass sehen. Sie fragen, wo die anderen sind und woher ich komme. Sie sind hoechstens Ende Zwanzig. Ich entscheide mich aus Neugier, kein Russisch zu verstehen. Der mit der blauen Bluse hat einen unsteten Blick, denke ich. Er laesst den anderen reden und haelt sich im Hintergrund. English, fragt der andere? Ich antworte. Aber mehr als English weiss er auch nicht. Er guckt immer wieder zu der kleinen Kamera hin, die ich in den Haenden halte, fragt aber nicht danach. Wo sind die anderen?, will er stattdessen immer noch wissen. Deutsch? Deutschland?

Ich ermutige ihn, mir etwas vorzuzaehlen. Ein Anflug von Stolz geht ueber sein Knabengesicht. Er kommt tadellos bis Vierzehn. Zwischendurch fragt er immer mal wieder auf Russisch, wo die anderen sind. Ob ich mit dem Wagen hier sei. Ich weiss von nichts und hoere ihm beim Zaehlen zu, helfe, wenn er steckenbleibt. Er kichert und wartet, dass ich weiter souffliere. Aus dem Augenwinkel registriere ich die neugierigen Blicke der Kirgisen. Aber niemand scheint stehen zu bleiben. Als wir bei Siebenundfuenfzig sind, sagt der in der blauen Bluse: Los, gehen wir. Der Zaehler winkt mir zu. Ich bin also auch gemeint, stecke kommentarlos die Kamera in die Hosentasche und folge den beiden. Sie haben nichts dagegen, dass ich mich halb hinter ihnen halte. Wir schluepfen durch zwei dieser halbdunklen Containerkorridore, vorbei an ein paar alten Maennern mit diesen einheimischen, an Verkehrskegel erinnernden Hueten, vorbei an plaudernden Haendlern und einer jungen Frau mit einem schreienden Baby. Ich bilde mir ein, niemand hier interessiere sich fuer uns. Kurz erwaege ich, sie jetzt doch auf Russisch anzusprechen, zu dem Auto zu fuehren, in dem Wladimir vermutlich auf mich wartet, und die Geschichte aufzuklaeren. Da faellt dem in der weissen Bluse die Achtundfuenfzig ein, und wir gehen weiter. Ueberqueren ploetzlich einen Parkplatz in grellem Mittagslicht, auf dem ungewoehnlich wenig Betrieb ist.

Bisher hat sich auf solchen Maerkten nur die Mafia fuer mich interessiert, geht mir noch durch den Kopf, da fuehren sie mich zu einem der unvermeidlichen Container. An diesem hier baumelt ein Pappschild mit der Aufschrift „Polizei“. Neugierig gehe ich vor ihnen hinein. In der Daemmerung erkenne ich eine auf dem Boden liegende Tafel mit zwei angehefteten Fotos von Halbwuechsigen, die vor einer Hauswand stehen, und einen Typen, der in der dunkelsten Ecke hinter einem Tisch hockt. Bei unserem Eintreten setzt er ein verschaemtes Grinsen auf, als haetten wir ihn bei etwas Peinlichem erwischt. Auf der Tischplatte liegen nur seine kurzen Haende, mit kleinen Taetowierungen unterhalb der Fingerwurzelknochen. Der Typ traegt einen blauen Jumper und ist mindestens zehn Jahre aelter als meine Begleiter. Der in der blauen Bluse uebernimmt jetzt die Gespraechsfuehrung und wiederholt die Fragen nach dem Auto und nach den anderen. Ich bin weiter freundlich und ratlos. Der Zivile erkundigt sich, wodurch ich ihnen aufgefallen sei. Er hat eine fuer seinen praechtig trainierten Oberkoerper viel zu kleine Stimme. Sie erwaehnen meine Kamera. Der Zivile bittet mich freundlich, ob ich den Inhalt meiner Hosentaschen auf dem Tisch deponieren koennte. Er grinst immer noch verschaemt. Der in der blauen Bluse fuehrt eine Pantomime auf, um mir die Sache verstaendlich zu machen. Ich lege meine Sachen auf den Tisch, die Kamera, ein Taschentuch, Fishermen’s Friend Menthol Pastillen und einen duennen Stapel Geld, ungefaehr vierhundert Dollar. Waehrend der Zivile einen Geldschein gegen das Funzellicht haelt, das durch den Eingang hereinfaellt, werden meine beiden Begleiter munterer. Meine Oberarme wollen sie jetzt sehen und wissen, ob ich irgendwo Einstiche habe. Ob ich etwas haette kaufen wollen, ich wisse schon, was. Natuerlich verstehe ich weiterhin nichts, nicke ihnen aber interessiert zu. Wir lachen uns ein bisschen an. Der Zivile, der sich an diesem improvisierten Gespraech nicht beteiligt hat, schlaegt vor, ich solle meine Sachen wieder einpacken. Was ich dann auch beilaeufig tue. So beilaeufig, als sei das hier eine Partie Rommé unter alten Freunden. Der in der blauen Bluse fragt mich inzwischen, was ich von Kirgisistan halte. Ich entscheide mich diesmal, die Frage zu erahnen, und hebe unmissverstaendlich den rechten Daumen in die Senkrechte. Damit habe ich ihre Erwartungen uebererfuellt. Die jungen Polizisten schuetteln mir die Hand, der in der blauen Bluse umarmt mich. Der Zivile ist ploetzlich verschwunden. Aber das ist nicht mehr wichtig. Ich verlasse winkend meine neuen Freunde und sehe von der Tuerschwelle den Zivilen gerade noch ueber den Parkplatz schlurfen. Er dreht sich sogar um, und ich winke ihm auch zu. Aber er hat mich vielleicht nicht erkannt und verschwindet zwischen zwei Toyota SUVs.

Ein paar Stunden spaeter im Hotel entdecke ich, dass in dem Buendel Geldscheine ein Hunderter fehlt. Ich habe das Geld seit meiner Begegnung auf dem Markt nicht angeruehrt und bezweifle, dass sonst jemand dazu Gelegenheit gehabt haben koennte. Die Ordnungshueter auf dem Markt haben in mir weniger den Drogendealer, als eine ergiebige Geldquelle gesehen.

Die Daemmerung ruft mich wieder auf die Strasse. Das Geld habe ich vorsorglich zu Hause gelassen. Es sind mehr Polizisten unterwegs als in den letzten Tagen. Vielleicht liegt das daran, dass morgen der chinesische und der russische Praesident hier erwartet werden. Oder es ist eine posttraumatische Einbildung.

Die Teenager vom Lande beziehen ihr Revier auf dem Platz vor dem Nationalmuseum. Erst jetzt entdecke ich, dass gegenueber dem Reiterstandbild von Manas, vom anderen Ende des Platzes vor dem Nationalmuseum, die erhabene Bronzestatue Tschingis Aitmatovs herabschaut. Der Dichter der Sowjetmoderne in der Steppe haelt die Stellung. Er hat Lenin ueberlebt, er koennte sogar Manas ueberleben. Die Helden kommen und gehen, die Dichter bleiben. So ist das, zumindest in einem entlegenen Land wie Kirgisistan.

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Louis Aragon hielt Aitmatovs Novelle Dshamilja fuer die schoenste Liebesgeschichte der Welt. Dshamilja, ein Maedchen der Steppe, das gerade geheiratet hat, verliebt sich in einen kriegsversehrten Frontheimkehrer, waehrend ihr Mann gegen die Nazi-Deutschen kaempft. Sie wehrt sich gegen die Zuneigung zu dem anderen. Doch ihr Mann scheint sie im Krieg vergessen zu haben. Das rueckstaendige Leben im muslimischen Ail wird ihr zu eng. Am Ende verlaesst sie mit dem Heimkehrer das Dorf und ihren Mann an der Front.

Unter den von munteren Singvoegeln bevoelkerten Kastanien nicht weit von dem Aitmatov-Denkmal versammeln sich Dshamiljas Enkel. Sie tragen Sneakers, Jeans, Baseballkappen oder leichte Sommerkleider, haben die Sonnenbrillen ins Haar gesteckt und plaudern am Mobiltelefon. Aus der Ferne gleichen sie den Kids in irgendeiner Stadt. Ihre Heimat hat einst geholfen, die deutschen Faschisten zu besiegen. Als sie geboren wurden, scheiterte endgueltig das grosse Gesellschaftsexperiment des Kommunismus. Seitdem scheint ein neues Experiment in Gang zu sein. Dshamiljas Enkel auf dem Platz vor dem Nationalmuseum unterstuetzen vermutlich dieses Experiment. Seine Fortsetzung wird davon abhaengen, wie ihre Heimat mit den beiden Trends umgeht, die fast ueberall in Asien dominieren: dem Vormarsch des Islam und dem der Chinesen.

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Ich danke der Konrad-Adenauer-Stiftung fuer die Unterstuetzung bei der Reise.

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