Michael Schindhelm | DEUTSCHLAND REVISITED

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Deutschland revisited

Vor ein paar Wochen war ich in Deutschlands Hauptstadt zu Besuch, und die beiden Gruende fuer diese Reise – eine Filmpremiere und die Urauffuehrung mehrerer Musikstuecke – hatten mit dem Ort zu tun, an dem ich in den letzten zweieinhalb Jahren gearbeitet und gelebt habe: Dubai. In einem allseits bekannten Restaurant in Stadtmitte stand zur Mittagszeit ein aelterer Herr an meinem Tisch, den bestimmte Leute in Berlin fuer eine kulturelle Standardgroesse, andere fuer einen Kaffeehausinformanden halten. Unaufgefordert und mit sich ueberschlagendem Organ, sodass nicht nur meine Tischdame, sondern auch ein paar Leute ringsherum zuhoeren mussten, berichtete der Herr, er habe am Vorabend eine Diskussion mit dem frueheren sowjetischen Botschafter Falin und Egon Krenz gefuehrt. Der Herr scheint verdriessliche Gesichter gewohnt zu sein, denn er liess sich nicht aus dem Konzept bringen und redete immer schneller, wackelte dazu mit dem Kopf und schuettelte seine Haende in meine Richtung, als klebte etwas daran, womit er mich bewerfen wollte. Krenz, entnahm ich dem Vortrag, muss jedenfalls am Vorabend aus einem verraeterischen Grund stolz auf Merkel gewesen sein: Beide kaemen ja aus demselben Geschichtszusammenhang. Geschwind entwickelte der ungefragte Unterhalter am Tisch eine Parallele zwischen dem ZK der Bolschewiki nach Lenins Tod und der CDU-Spitze nach Kohls Abgang, indem er u.a. Wolfgang Schaeuble mit Trotzki verglich, Stalin mit Merkel. Fazit: Letztere haetten die Macht uebernommen, weil sie von ersteren unterschaetzt worden seien, Angela Merkel sei eine Stalinistin. Der Herr spielte jetzt auf meine Bekanntschaft mit der Bundeskanzlerin an und fuegte spitzbuebisch grinsend hinzu: Und Sie sind ein Tschekist. Dann ueberreichte er mir mit grossem Ernst die Kopie eines Dokumentarfilms, an dem er irgendwie mitgewirkt zu haben schien. Titel: Nachrichten aus der ideologischen Antike.

Am darauffolgenden Wochenende veroeffentlichte Le Figaro eine Umfrage unter den Bevoelkerungen der grossen EU-Staaten, derzufolge Angela Merkel das beliebteste Staatsoberhaupt Europas ist. In Italien waehlten sie mehr als 80 Prozent der Befragten, in Deutschland 62, im derzeit oberhauptsverdrossenen Grossbritannien 44 Prozent, was dort immer noch fuer Platz eins reicht. Soweit die Nachrichten aus der (un)ideologischen Gegenwart.

Man koennte den Vortrag des Herrn aus Berlin-Mitte als intellektuelle Folklore abtun, aber so einfach scheint mir das nicht zu sein. Immerhin weiss ich, er stammt aus dem Westen, und es wirkt auf mich repraesentativ, wie er es geniesst, Leute wie Krenz, Merkel und mich in einen Topf zu werfen. Wenn ich es recht bedenke, ging es bei diesem Auftritt im Café vor allem um die Distinktion von jemandem, der sich immer noch schwer tut mit der Realitaet, dass Deutschland nicht mehr geteilt ist. Was der Mann sagen wollte, war: Ihr koennt euch drehn und wenden wie ihr wollt, mir koennt ihr nichts vormachen. Ihr? – Wir, die Ostdeutschen.

Von einem unerfreulichen und gescheiterten Rueckkehrversuch 2005 abgesehen, habe ich die letzten fuenfzehn Jahre fast ausschliesslich nicht im Lande gelebt, und deutschdeutsche Befindlichkeiten gehoeren nicht zu meinem Alltag. Moeglicherweise hat sich in (geografisch, sozial, politisch) weiten  Teilen Deutschlands die deutsche Einheit vollzogen, ohne dass darum grosses Aufhebens gemacht wird. Wahrscheinlich hat es die deutsche Hauptstadt damit am schwersten. Ueberall dort, wo es sehr konkret um Macht geht (in Politik und Wirtschaft, aber auch in den Medien, in der Kultur), so bilde ich mir ein, sind immer noch die vertrauten Verhaltensmuster zu sehen: Der Westen ist (ueber den Osten) enerviert, der Osten (wegen des Westens) beleidigt. Und die Disproportionen sind geblieben: Wieviele grosse Unternehmen, Parteien, Medienanstalten werden von Ost-, wieviele von Westdeutschen geleitet? Wieder der Kulturbetrieb als Referenzbeispiel: Spielstaetten wie die Volksbuehne oder das Maxim-Gorki-Theater (war da sonst noch was?) verdanken ihre Zuschreibungen unter anderem den Medien aus dem einstigen Westen. Solange diese “Bastionen” ihre Anarcho-Systemkritik ueben und eine verlaessliche Stoerfunktion wahrnehmen, sind sie bei Kuenstlern aus der einstigen DDR in guten Haenden. Mit dieser Form politischer Unkorrektheit ist dann auch die weitgehend westdeutsch bestimmte Kulturpolitik einverstanden.

Staatstragende Kultur wird durch andere Haende verwaltet. Es scheint mir – von aussen betrachtet – auch zwanzig Jahre nach der deutschen Vereinigung schwer vorstellbar, dass ein Ostdeutscher an der Spitze etwa der Staatlichen Museen oder der Berliner Philharmoniker steht. Nicht, dass ich an der Kompetenz der handelnden Direktoren zweifle oder ihnen die Position nicht goenne. Das Argument, es liessen sich wenige ostdeutsche Fuehrungskraefte finden, ist jedoch Selffulfilling Prophecy, wenn man sie nicht aufbaut. Oder fehlt es Kandidaten aus dem Osten an Ellbogen?

In der Literatur sieht es aehnlich aus. Ein guter ostdeutscher Schriftsteller ist ein Schriftsteller, der sich mit der DDR und ihrem Ende und Uebergang beschaeftigt. Das sind die Horizonte, die die oeffentliche Rezeption von ihm erwartet. Und die sich gute ostdeutsche Schriftsteller selbst gesetzt haben. Von wenigen gegenseitigen Einmischungsversuchen abgesehen, scheint eine Art Burgfrieden zu herrschen. Wer aus dem Osten kommt, berichtet aus dem Osten, wer nicht, schreibt ueber den Rest. Dieser Rest bietet unendlich viel mehr Stoff, mehr Welt, und so bleibt es nicht aus, dass die Domaene DDR-Aufarbeitung bei einigen Westkollegen als provinziell betrachtet wird. Einer von ihnen soll kuerzlich erklaert haben, mit der Wende sei die BRD spiessiger geworden, wegen der Ostdeutschen. Umgekehrt wehrt sich der ostdeutsche Kunestler gegen die Deutungsmacht des Westens. Ingo Schulze und Thomas Brussig haben in dieser Zeitschrift vor kurzem das durch westdeutsche Intellektuelle gezeichnete Bild der DDR und ihrer Menschen beklagt. Sie fuehlen sich schlecht behandelt. Wiedervereinigung sei ein Wort mit zwei Luegen. Welches Jahr schreiben wir eigentlich?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich im Ausland intensiver mit der nationalen Identitaet auseinandersetzen muss als zu Hause. Als ich zum Beispiel als Achtzehnjaehriger Ende der siebziger Jahre in die Sowjetunion kam, lebten noch viele Menschen, die die Zerstoerung ihres Landes und die Vernichtung von 22 Millionen Landsleuten in erster Linie durch die Generation meiner Grossvaeter mit- und ueberlebt hatten. Ich musste einsehen, in den Augen dieser Menschen vertrat ich meine Grossvaeter. Ich begann mit bis dato mir selbst unvorstellbarer Geschwindigkeit Russisch zu lernen, um den deutschen Akzent loszuwerden. Als ich fuenfzehn Jahre spaeter in die Schweiz auswanderte, war ich gut beraten, keine idiomatischen Annaeherungsversuche zu machen. Ein Deutscher kann in der Schweiz nur ueberstehen, wenn er “Deutsch” spricht.

Ich hatte aber auch zu lernen, dass ich mich in Deutschland nicht in der Gewissheit wiegen kann, einfach ein Deutscher zu sein. So hatte ich mich im Herbst 2004 noch gar nicht abschliessend mit der Moeglichkeit beschaeftigt, aus beruflichen Gruenden (es ging um die Leitung einer neu gegruendeten Berliner Kulturinstitution) aus der Schweiz zurueckzukehren, als sich das Berliner Abgeordnetenhaus aufgrund von Medienberichten bereits mit Spekulationen ueber meine Begegnungen mit der DDR-Staatssicherheit auseindersetzte. Der darauf eingesetzte Ehrenrat unter Leitung von Ex-Buergermeister Momper konnte das nur teilweise klarstellen. Ich bin anscheinend ein “Tschekist” geblieben. Nicht nur fuer den Herrn aus dem Café in Mitte. Als sich vor zweieinhalb Jahren herumsprach, dass ich nach Dubai aufbrechen wuerde, um die dortige Regierung beim Kulturaufbau zu beraten, hatte eine fuehrende deutsche Tageszeitung sofort eine Erklaerung dafuer, warum ausgerechnet ich den (zuvor von niemandem mit meinem beruflichen Hintergrund betretenen) Weg an den Golf einschlagen wuerde: mit politischen Diktaturen kenne ich mich ja aus. Augenscheinlich bleibt man der nicht abwaschbare Ossi. Freiwillig oder nicht. Auf mich wirkt das inzwischen so, als muesse man sich damit abfinden oder weggehen.

Vor knapp zehn Jahren habe ich einmal zu beschreiben versucht, wie die virtuelle (und im Elternhaus konspirativ hergestellte) Realitaet des Westfernsehens fuer mich einst Zehn- oder Fuenfzehnjaehrigen eine staerkere Glaubwuerdigkeit besass als der real existierende Sozialismus. Ich glaubte ARD und ZDF, Onkel Otto und Hanns-Joachim Friedrichs mehr als allen Lehrern und sonstigen Autoritaeten (ausgenommen meine Eltern) in meiner Umgebung. Ich hoerte dieselbe Musik und wuenschte mich nach Suedkalifornien wie Leute meines Alters in Essen oder Oldenburg. Das Buch mit diesen Beschreibungen heisst Zauber des Westens. Der zweite (ausfuehrlichere) Teil beschaeftigte sich mit der Entzauberung nach dem Fall der Mauer, als die Bilder von ARD und ZDF dreidimensional wurden und sich ploetzlich anders ausnahmen.

Wahrscheinlich wuerde dieser zweite Teil von Zauber des Westens heute entspannter ausfallen. Denn der Zauber ist irgendwann zurueckgekehrt. Der Westen ist nicht identisch mit Westdeutschland, und im Grunde geht es einem ja immer noch wie Columbus: Man bricht in eine Richtung auf und entdeckt die Welt, wo man sie nicht erwartet hat.

Von dort draussen sieht Deutschland uebrigens sympathisch aus, und ich bin im Ausland inzwischen gerne Deutscher. Es waere eine gesonderte Betrachtung wert zu beschreiben, was dieses Land durch die Brille zum Beispiel Dubais ausmacht, einer Stadt, in der buchstaeblich Menschen aus aller Herren Laender leben. Was bedeutet Deutschland der Welt? Autos, Maschinen, Umwelttechnik etc. Eine Welt des Funktionierens. Die Deutschen als Ingenieure. Als unsere Vorfahren vor hundert Jahren diesen Ruf hatten, haben sie ihn zwei Mal im Interesse einer beispiellosen Zerstoerung missbraucht. Heute schaetzt man, dass wir Sachen liefern, auf die man sich verlassen kann. Wahrscheinlich schaetzt man auch, wie die Deutschen neuerdings ihren Job machen: weitgehend geraeuschlos.

Mein juengster Berlinaufenthalt fuehrte mich in ein zu einer franzoesischen Hotelkette gehoerendes Restaurant. Auf der Speisekarte entdeckte ich folgenden Hinweis: Wir feiern den 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. Feiern Sie mit uns. Alle Getraenke 20 Prozent reduziert! Ich sagte der Servierfrau, ich sei beeindruckt, dass schon jetzt (im Fruehling) Partystimmung herrsche. Die Frau: Wieso Partystimmung? Wir haben einfach zu wenig Gaeste. Zum Feiern gaebe es ja wohl nichts, schon gar nicht wegen “89”.

Ich gebe zu, ich wuerde den Herbst 89 auch feiern, wenn man die Preise verdoppeln wuerde. Und ich feiere ihn irgendwie ohnehin jeden Tag. Fuer mich war das Ende der DDR der Anfang von vielen wesentlichen Dingen, die mich heute ausmachen. Es hat Verluste gegeben und Verlierer, auf beiden Seiten der Mauer. Ich mag von “draussen” urteilen und damit inkompetent sein, aber  das Gefuehl laesst sich nicht unterdruecken, dass die Deutschen nach 1989 diesen Weg gehen mussten und gut daran getan haben. Vielleicht haben sie besser daran getan, als sie wahrhaben wollen. Ich denke zum Beispiel, dass die Westdeutschen ein grosses Risiko auf sich genommen haben mit dem Versuch, siebzehn Millionen Landsleute in ein anderes politisches und Wirtschaftssystem zu integrieren. Ein System, das von vielen Ostdeutschen immer noch als kalt und kapitalistisch betrachtet wird, obwohl die hiesigen Standards an sozialer Sicherheit wahrscheinlich von keiner anderen fuehrenden Industrienation erreicht werden. Ich gebe zu, dass ich diesen Westdeutschen heute dafuer dankbar bin. Ebenso wie den Ostdeutschen, die die Wirklichkeit der spaeten DDR nicht mehr akzeptiert haben und fuer ihre Veraenderung auf die Strasse gegangen sind.

Deutschland 2009 ist bestimmt ein Land mit Problemen. Insofern ein ganz normales Land. Die Menschen aus seinen beiden Teilen stehen sogar irgendwie zusammen, leider kalte Schulter an kalte Schulter. Zugleich rangieren gleich drei deutsche Staedte unter den weltweit ersten Zehn mit der hoechsten Lebensqualitaet. Berlin ist die einzige Hauptstadt eines grossen Landes, die es unter die ersten zwanzig gebracht hat. Einer Untersuchung des Economist zufolge aber lebt nur ein Drittel der Deutschen gern in seinem Land, in Frankreich sind es sechzig Prozent. Irgendwas stimmt da nicht.

Ich bin nicht geeignet, Ratschlaege zu geben. Bestimmt ist von diesem Land keine absolute Gerechtigkeit zu erwarten. Vielleicht aber mehr gegenseitige Neugier und Grosszuegigkeit. Es gibt nicht viele Beispiele in der Kunst dafuer, dass sich West und Ost angeschaut und gegenseitig beschrieben haben. Und wenn es passierte, wie etwa in “Das Leben der anderen”, dann neigte die beschriebene Seite zu dem Urteil: Das bin ich nicht. Ich gebe zu, ich mochte aus diesem Grunde Good Bye Lenin nicht besonders. Irgendwie fand ich es auch aergerlich, als Ostdeutscher von Franzosen, Amerikaern oder Spaniern mit Komplimenten bedacht zu werden, nach dem Motto: Seit ihr Ossis da seid, koennen die Deutschen witzig sein. Geht doch! Ich habe gar nicht erst versucht zu erklaeren, dass das kein Film von, sondern ueber Ossis war. Vor einem Jahr erzaehlte mir unser emiratischer Personalschef Ali jedoch, wie stolz er und seine Frau darueber seien, mit mir einen Ostdeutschen im Team zu haben. Good bye Lenin habe ihnen das Herz fuer den jungen Mann aus der DDR geoeffnet, der sich so liebevoll um seine Mutter gekuemmert habe. Sympathie mit dem Fremden geht oft unergruendliche Wege, und es waechst kein Kraut dagegen. Hoffentlich auch nicht daheim.

Erschienen in Cicero. 

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