Michael Schindhelm | EIN PLAEDOYER FUER DAS HUMBOLDT-FORUM

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Ein Plaedoyer fuer das Humboldt-Forum

Der chinesische Kuenstler Ai Wei Wei hat vor einigen Jahren einmal eine Fotoserie gemacht, auf der im Hintergrund jeweils Ikonen nationaler Kultur zu sehen sind, also zum Beispiel der Eiffelturm, das Weisse Haus oder die Grosse Halle des Volkes am Platz des Himmlischen Friedens. Im Vordergrund sieht man immer den Mittelfinger, den Ai Wei Wei diesen Symbolen der Macht entgegenstreckt. Als ich ihn fragte, welches Motiv er fuer Deutschland waehlen wuerde, kam er ins Gruebeln. Es fiel ihm nichts ein, das sigifikant genug gewesen waere.

Tatsaechlich haben die Deutschen viele fuer sich selbst kulturell und historisch relevante Monumente, vom Barbarossa am Kyffhaeuser bis zum Hermannsdenkmal, vom Frankfurter Roemer bis zum Festspielhaus in Bayreuth und der Frauenkirche in Dresden. Da ist die Wartburg, der Dom von Speyer, das Gartenhaus in Weimar. Und natuerlich das Brandenburger Tor. Es gibt Orte in Deutschland, die eine Facette unserer Kultur widerspiegeln, aber keinen einzigen, der aehnlich wie der Louvre oder die Freiheitsstatue, die Verbotene Stadt oder der Kamigamo-Schrein als integrale Referenz fuer unsere kulturelle Identitaet stehen koennte.

Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses wird an diesem Umstand nichts aendern. Die deutsche Geschichte bis 1989 aus jahrhundertelanger partikularer Gewalt, preussischem Kaisertum, Nationalsozialismus und Teilung liefert viele Gruende, warum wir uns kein Heiligtum deutscher Nationalkultur geschaffen haben. Und die Initiatoren des Wiederaufbaus haben dergleichen ebenso wenig beabsichtigt.

Zum Glueck richtete sich die Diskussion in juengster Zeit – nach den zermuerbenden Debatten um den Erhalt des Palastes der Republik und den Sinn oder Unsinn einer Schloss-Wiedergeburt – vor allem auf die Frage, was eigentlich in diesem Gebaeude stattfinden sollte. Die Idee des Humboldtforums nahm endlich mehr Gestalt an, als sich abzeichnete, dass ein Umzug der Dahlemer Sammlung und die Praesenzen von Landesbibliothek und Humboldt-Universitaet allein weder die Investition fuer den Wiederaufbau, noch die Besetzung einer topographisch und historisch so zentralen Lokalitaet rechtfertigen wuerde.

Das Konzept einer Agora, wenn es auch noch in den Anfaengen stecken mag, ist nicht die Rechtfertigung, sondern vielmehr die kulturpolitische Begruendung, warum das Humboldtforum in der vorgesehenen Architektur auf dem Schlossplatz aufgebaut werden muss. Denn die Bundesrepublik Deutschland braucht dringend einen Ort, der jenseits aller foederalen Gegebenheiten und historisch begruendbaren Bedenken nicht allein symbolisch, sondern auch inhaltlich sichtbar machen kann, dass sich die Rolle dieses Landes gegenueber sich selbst und seiner Geschichte, aber auch in der Welt veraendert hat.

Die Agora – immer der Ort der Begegnung zwischen den Einheimischen und den Fremden – ist also nicht einfach eine neue, andere Plattform, auf der die deutsche Bevoelkerung in vielfaeltigen Programmen Weltkunst aus allen Kontinenten zu sehen bekommt, einen solchen Ort gibt es in Berlin mindestens schon mit dem Haus der Kulturen der Welt. Die Agora ist ein Ort des Austausches. Hier werden nicht nur Menschen und Waren aus anderen Laendern empfangen, sondern es werden diesen Menschen auch Kunst, Ideen und Werte vorgestellt, die fuer die heutige nationale Kultur in Deutschland stehen. Wenn die Agora funktioniert, entsteht daraus eine neue Perspektive, entstehen neue Kunst, Ideen, Werte. (Es versteht sich, dass nationale Kultur hierzulande immer auch interkulturell ist.)

Die Agora also ein Ort der Glokalitaet, an dem die brennenden Themen unserer Zeit verhandelt werden: Klimawandel, Migration, Welternaehrung, Energie, aber auch der Einfluss der Globalisierung auf nationale Kulturen oder die Veraenderung des oeffentlichen Raumes durch virtuelle Netze. In der Agora reist  Humboldt mit Facebook, treffen sich Greenpeace und Gazprom im wiedererrichteten preussischen Klassizismus.

Die Agora waere also das freie Feld und zugleich das Kernstueck des Humboldtforums. Hier muesste die Gegenwart zu besichtigen sein. Und zu gestalten.

Die Gegenwart heisst aber Globalisierung und hat auch die Kultur erreicht. Neue Kulturnationen treten vor allem in Asien auf dem Plan, und die traditionellen Heimatlaender westlicher Hochkultur sehen ihre Zukunft bedroht. Wir befinden uns nicht einfach in einer Wirtschafts-, sondern auch in einer Kulturkrise. Ebenso wie politische und oekonomische Macht von West nach Ost driften, verschieben sich auch die Produktionsstaetten der Kunst in diese Richtung. Man koennte von drei Kulturzentren sprechen, die miteinander im Wettbewerb stehen: die USA, Europa, und die als BRIC bezeichneten Schwellenlaender mit China an der Spitze.

Die Weltwirtschaft erwartet heute von Deutschland, seine neue Rolle seit 1989 entschiedener wahrzunehmen. Man macht nicht gleich des Nationalismus verdaechtig, wenn man aehnliche Beobachtungen auch fuer die Kultur anstellt. Deutschland ist eine der produktivsten und kreativsten Nationen. Ein Gutteil seiner heutigen Kreativitaet hat es seiner sozialen und kulturellen Offenheit zu verdanken, dem Umgang mit Kunst und Meinung, seiner Neugier gegenueber dem Fremden. Das koennen nicht alle globalen Kulturzentren von sich sagen. Wenn wir unsere Standards erhalten wollen, muessen wir ihre Globalisierungsfaehigkeit pruefen.

Was wuerden die Humboldts im Jahr 2010 tun? Ich denke, sie wuerden sich darueber Gedanken machen, wie diese Standards  unserer heutigen Kultur globaliserungsfaehig wuerden. In einem Labor wie der Agora im Berliner Schloss.

Erschienen im Extrablatt der Stiftung Berliner Schloss.

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