„Menschen sind anstrengend“ Essay für Der Tagesspiegel Berlin
Ein Beitrag zum Thema KI und die Zukunft menschlicher Intelligenz im Zeitalter von KI
Ein amerikanischer Schriftsteller berichtete kürzlich in der New York Times, er sei aufs Land gezogen, um einen Roman zu schreiben. Geringere Lebenshaltungskosten und die Einnahmen als Teilzeit-Werbetexter sorgten zunächst für ein Auskommen. Dann kam KI und nahm ihm den Job weg. Interessanterweise fragte der Schriftsteller sein Chatbot danach, was er nun tun solle. Das Chatbot empfahl ihm, sich eine Kettensäge zu kaufen. Der Holzhandel sei ein weitaus erschwinglicheres Geschäft als Werbetexten. Also stieg der Mann in den Holzhandel ein und machte tatsächlich gute Einnahmen. Er sah auch darüber hinweg, dass seine Nachbarn eine leichte Herablassung erkennen liessen. Wie könne sich ein hochqualifizierter Mensch einem so primitiven Gewerbe widmen! Kurz nach seinem 52. Geburtstag bekam der Mann starke Rückenschmerzen von der harten Arbeit, und bald musste er sein Geschäft aufgeben.
Auch wenn die Geschichte keinen guten Ausgang nimmt und von bitterer Ironie zeugt (eine KI wird um Rat gefragt, um sich aus dem durch eine andere KI verursachten Prekariat zu retten), ist sie nicht wirklich deprimierend.
Immerhin hat der Mann sich zu helfen gewusst und eine Entdeckung gemacht, die wahrscheinlich von allgemeiner Bedeutung ist: Unser Urteil darüber, was wertvolle Arbeit ist und was nicht (Werbetexter versus Holzhändler) wandelt sich unter dem Einfluss der KI.
Tatsächlich gehen Experten davon aus, dass die von Silicon Valley versprochene perfekte Welt der Allgemeinen Künstlichen Intelligenz (wenn sie denn wirklich so perfekt werden sollte) dazu führen wird, dass wir nach dem Imperfekten streben, nach dem Unordentlichen, Körperlichen und Mehrdeutigen, schlicht: dem Menschlichen. Oder der Kettensäge. Eine spätestens seit der industriellen Revolution und dem technischen Fortschritt wiederkehrende Erfahrung besagt: Effizienz ist für Maschinen, Ineffizienz für Menschen. Man könnte auch sagen: Reibung. Sobald etwas reibungslos funktioniert, ein Problem gelöst ist, wendet sich der Mensch dem nächsten Problem zu, das es vorher möglicherweise gar nicht gegeben hat.
Das Wäschewaschen war zum Beispiel vor der elektrischen Waschmaschine eine brutale, ganztägige Knochenarbeit („Waschtag“), die oft nur einmal im Monat oder alle zwei Wochen stattfand. Doch mit der Einführung der Maschine stiegen die Hygienestandards. Da Waschen nun einfach war, erwartete man plötzlich, dass Kleidung nach einem einzigen Tragen gewaschen wird. Studien (u.a. von Ruth Schwartz Cowan) zeigen, dass Hausfrauen trotz der Maschinen mehr Stunden pro Woche mit Wäsche verbrachten als ihre Großmütter, weil die Waschfrequenz anstieg. Die Technik erlöste Hausfrauen von der physischen Anstrengung, schuf aber das problembehaftete Bedürfnis nach der perfekten, täglichen Reinheit.
Da sich diese Entwicklung wie ein roter Faden durch die Geschichte des technologischen Fortschritts zieht, ist davon auszugehen, dass auch der Vormarsch der KI zu derartigen Konsequenzen führen wird.
Anzeichen dafür gibt es schon: Die Generation Alpha entdeckt die alten “Dumb-Phones”, mit denen man nur telefonieren kann und die keine Apps haben. Seit man Kunstwerke mitttels KI herstellen kann, ist das Produkt nicht mehr so wichtig. Was zählt ist der Prozess. Und so schaut ein Millionenpublikum auf Twitch oder Tiktok KünstlerInnen stundenlang dabei zu, wie sie Plastiken herstellen, Videospiele entwerfen oder geistreiche Texte formulieren. Auf Konzerten müssen Besucher ihre Handys am Eingang in verschließbare Neopren-Taschen stecken. Sie behalten das Handy, können es aber nicht nutzen. Die Berichte von diesen Konzerten: „Niemand hat gefilmt, alle haben getanzt. Wir haben uns in die Augen gesehen.“ An den Waldorfschulen in Silicon Valley (wo die Kinder von Google- und Apple-Managern hingehen) sind Bildschirme oft bis zur Oberstufe tabu. Grafikdesigner oder Coder, die den ganzen Tag „perfekte“ digitale Produkte bauen, sitzen abends an der Töpferscheibe und produzieren rustikale Schalen.
Möglicherweise führt die Übernahme vieler Lebens- und Arbeitsbereiche durch die KI zu einer Wiederentdeckung rein menschlicher Aktivitäten. Die KI als Provokation, die uns dabei hilft, das Menschsein – unser Alleinstellungsmerkmal – genauer zu verstehen. Wir werden also nicht zu einem vordigitalen Zeitalter zurückkehren. KI wird bald so selbstverständlich wie das Internet oder gar der elektrische Strom. Ob eine friedliche Koexistenz von Mensch und KI entsteht, wird massgeblich davon abhängen, wie wir uns auf diese Transformation vorbereiten.
Denn der Wert der Information wird bald gegen Null gehen. Was zählt (und Geld kostet), ist das Gütesiegel, das anzeigt, ob die Information wahr ist oder nicht. Erwartet der Nutzer von heutiger Technologie in erster Linie eine “experience”, so wird ihm die KI transformative Erfahrungen liefern. Auch ohne Chip im Gehirn werden wir in künstliche Welten eintauchen und sie nicht mehr so leicht von der physischen Wirklichkeit unterscheiden können. KI augmentiert – erweitert – das menschliche Bewusstsein. Das kann zu ärgeren Problemen führen als der Drogenmissbrauch.
Wenn das verhindert werden soll und wir unsere kognitive Unversehrtheit bewahren, unser Verhältnis zu und unseren Umgang mit KI selbst bestimmen wollen, müssen Schulen und Universitäten – als die einflussreichsten und unabhängigsten Institutionen der menschlichen (natürlichen) Intelligenz – vermutlich radikal und schnell umdenken. KI könnte den Eindruck vermitteln, das Lernen überflüssig geworden ist, denn alles Wissen begleitet mich ja in meiner KI. Und genau so beginnt die Abhängigkeit.
Wer das Denken auslagert, verlernt es. Lehrende beobachten bereits, dass Studierende, die sich Ideen von der KI generieren lassen, die Fähigkeit verlieren, komplexe Argumente im Kopf zu strukturieren. Unser Gehirn ist ein Muskel – wer ihn schont, erleidet Muskelschwund.
Anstrengung müsste demnach wieder attraktiv werden. Wenn jegliche Information zu billigem oder kostenlosem Ramsch wird, bekommt der Schweiss wieder seinen Preis. Schulen und Unis werden vermutlich so etwas wie Reibungs-Labore entwickeln. Dort wird wieder mündlich geprüft, und der Prüfling muss vor allem die Quellen seiner Information genau kennen. Berufe, die Handarbeit und Empathie voraussetzen, steigen im Wert. Neue Themen, Aufgabenfelder und Forschungszweige werden entstehen, die genuin menschliche Aktivitäten und Kompetenzen voraussetzen.
Die Künste werden in diesem Prozess der Entwicklung eines Gleichgewichts zwischen Mensch und KI so etwas wie die natürliche Triebkraft sein. Ihre disruptive Kompetenz wird benötigt werden, um der allgegenwärtigen Manipulation durch Algorithmen zu widerstehen und die Wahrheit – die Nadel – im Heuhaufen der KI-generierten Informationströme zu finden. Kunstwerke sind Zeugnisse eines oft maximalen Einsatzes, der zu einem imperfekten Ergebnis führt. KünstlerInnen sind zudem Experten im Umgang mit der Wirklichkeit und ihrer Transformation in alternative Wirklichkeiten.
Wenn die Anwendung und Verbreitung der KI nicht Big Tech und deren Interessen überlassen bleiben soll, braucht es eine neue Anstrengung. Zweifelsohne generell in unserer Gesellschaft, besonders aber dort, wo das menschliche Gehirn trainiert wird. Mit der Kettensäge gerät man vielleicht auf den Holzweg, aber die Frage danach, welche Rolle wir in Zukunft in unserem eigenen Leben spielen werden, wird auch nicht durch Werbetexte beantwortet werden.
