Michael Schindhelm | DUBAI, WELTSTADTZUKUNFT

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Dubai, WeltStadtZukunft

Anstelle einer Einfuehrung

Bejubelt als Global City des 21. Jahrhunderts, verdammt als Evil Paradise. Die superlativischen Anstrengungen Scheich Mohammeds Al Maktoum, die Welt darauf aufmerksam zu machen, dass er mit seinem Emirat die “Nummer Eins” (Interview in 60 Minutes, CBS) werden will, korrespondieren mit den frenetischen Formulierungen, die westliche Beobachter und Besucher fuer Dubai gesucht und gefunden haben. Diese Stadt, noch lange und vielleicht auch in Zukunft  niemals fertig gebaut, ist ein Ort der Extreme. Wer hierher kommt, erfaehrt ein neues Gefuehl fuer Raum und Zeit, Temperatur und Kultur. Nicht allen behagt dieses Gefuehl.

Die Demografie: vor dreissig Jahren hunderttausend Menschen, im Jahr 2008 knapp zwei Millionen. Seitdem findet aus konjunkturellen Gruenden ein unabsehbarer Exodus statt. Die arabischen Einheimischen stellen weniger als  ein Zehntel der Bevoelkerung, die absolute Mehrheit stammt  aus Indien. Die Emigranten kamen und kommen aus aller Herren Laender und repraesentieren in diesem aufgeweckten Stueck islamischer Wirklichkeit DIE WELT, ohne sich darueber gross Gedanken zu machen. Sie zieht es hierher, um Geld zu verdienen, Urlaub zu machen, zwischenzulanden, einkaufen zu gehen, zu siegen und zu scheitern. Die Leute kommen, um zu konsumieren und irgendwie konsumiert zu werden.

Die Wirtschaft: Allein zwischen 2001 und 2007 hat das Emirat durchschnittlich jaehrlich Wachstumsraten von mehr als 10 Prozent eingefahren. Im Vordergrund der oekonomischen Strategieentwicklung von Dubai seit den spaeten Siebzigerjahren stand die existentiell notwendige Abkopplung von der Oelindustrie und eine bitter noetige Diversifizierung  der Wirtschaft. 2007 belief sich das Bruttosozialprodukt auf 73 Mrd US-$, die zu drei Vierteln im Dienstleistungsbereich erwairtschaftet wurden. Handel, Finanzdienstleistungen, Logistik und Tourismus spielten eine immer staerkere Rolle beim Aufbau einer langfristig vom Erdoel unabhaengigen Volkswirtschaft. Die Erdoel- und -gasproduktion machte 2007 nur noch gut 5 Prozent des Gesamtproduktes aus. Von Petrodollars konnte also nicht mehr wirklich die Rede sein.

Hauptmotor der wirtschaftlichen Enwticklung waren jedoch die Bauindustrie und der damit einhergehende und sich immer dramatischer zuspitzende und weltweit Investoren anziehende Handel mit Immobilien. In der zweiten Haelfte des Jahrzehnts hatte Dubai mit der Ueberbauung von insgesamt 4,2 Millionen Quadratmetern begonnen. Die aggressivsten Bauherren kamen keineswegs nur aus den Golfstaaten, sondern auch aus Indien und dem Iran. Strategische Bedarfsprognosen gingen von einer Verdopplung des Touristenzahlen von 2007 (8 Millionen) bis 2015 und von einem Wachstum der Bevoelkerung auf 3 Millionen bis 2010 aus. Das Emirat wurde zur groessten Baustelle der Welt.

Stillstand schien unter diesen Umstaenden bis eben noch unmoeglich. Der Boden unter den Fuessen bewegte sich. Baukraene schwangen Tag und Nacht ihre Runden, Kiter flogen an Straenden entlang, Haende griffen nach Geldscheinen, Glaesern, Telefonhoerern, Haende liessen Geldscheine, Glaeser und Telefonhoerer fallen. – Niemand, konnte man denken, kommt hier an. Diese Stadt war totale Mobilmachung, war nicht nur Wettlauf mit der Zeit, sie war ein Einspruch wider die Zeit. Die Menschen lebten hier wirklich 247, vierundzwanzig Stunden sieben Tage in der Woche. Alles war im Aufbruch, im Vorueberziehen, UNTERWEGS. Man wohnte und arbeitete unterwegs, verdiente unterwegs Geld und gab es unterwegs aus. Liebte und hasste, sehnte sich und trauerte unterwegs. Die Stadt hatte mehr Gesichter als Menschen. Sie sahen sich an, sie sahen aneinander vorbei. Die Stadt hatte viele Stimmen. Sie redeten unaufhoerlich, und keiner hoerte zu.

Die Geschichte: Als vor knapp vierzig Jahren die Vereinigten Arabischen Emirate gegruendet wurden, waren die Bedingungen in den einzelnen Domaenen sehr unterschiedlich. Neunzig Prozent aller Erdoel- und –gasvorkommen der VAE lagerten auf dem Territorium von Abu Dhabi, Dubai sollte fast leer ausgehen. Das Emirat von Scheich Zayed al Nayan (Abu Dhabi) wurde zur Hausmacht der Foederation und er selbst deren Gruendungsvater. Waehrend die Nayan-Familie ein grosses Talent darin zu haben schien, wie man die Interessen der verschiedenen Beduinenstaemme in der Region unter einen Hut bekam, hatten die in Dubai herrschenden Maktoums schon immer ein Faible fuer den Austausch mit den Fremden jenseits des Wassers. Dafuer gab es triftige Gruende.

Einst war die gesamte Region von wenigen tausend Beduinen besiedelt, die in zaenkischen Stammesverbaenden ums Ueberleben kaempften. Vor 150 Jahren erhielten erste iranische Haendler und Fischer Markt- und Siedlungsrecht. Ein Konzept friedlicher Koexistenz in der Wueste war geboren. Gut hundert Jahre spaeter haben die Herrscher von Dubai erkannt, dass sie aus den geringfuegigen Oelvorkommen auf ihrem Territorium nur dann genuegend Treibstoff fuer die Entwicklung einer modernen, urbanen und nachhaltigen Gesellschaft generieren wuerden, wenn sie ein hohes Tempo vorlegten und Hilfe von aussen bekamen. Dubai brauchte fremde Menschen und fremdes Kapital. Und Dubai bekam, was es brauchte.

Gesellschaft: Das Konzept Dubai ist nicht mit einem Melting Pot a la New York zu verwechseln. Die Menschen bleiben fremde Menschen und das Kapital Fremdkapital. Wer hierher kommt, wird nicht mit dem kulturellen Auftrag empfangen, ein Emiratie zu werden. Im Gegenteil, die Moeglichkeit ist ausgeschlossen. Immigranten betreten einen Marktplatz, auf dem sie ihre Arbeitskraft, Dienstleistungen oder Waren verkaufen oder kaufen koennen, zu vielleicht guenstigeren Marktbedingungen als anderswo auf der Welt. Deshalb ist hier einiges los.

An einer Schnittstelle des Weltarbeitsmarktes zwischen Niedrig- und Hochlohnregionen gelegen, hat die Stadt in den letzten dreissig Jahren aus beiden Richtungen Scharen von Arbeitskraeften angezogen. Das Arbeitskraeftereservoir Asiens speiste Hunderttausende von Menschen ein, die ihr Brot unter harten Bedingungen auf Baustellen und im Dienstleistungssektor verdienen muessen. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen moegen sich unter dem internationalen Druck verbessert haben, sie selbst moegen in ihren eigenen Laendern noch weniger Lohn fuer noch haertere Arbeit erhalten, ihr Schicksal ist weiterhin der sozial problematischste Aspekt des Gesellschaftslabors Dubai.

Es liegt jedoch nicht nur an dem kulturellen und politischen Unwillen der Emiraties, Einwanderungsgesetze einzufuehren, die die Rechte der Immigranten und ihre Teilhabe an der Gesellschaft erweitern wuerden. Viele der sozial starken und kulturell flexiblen Menschen (inzwischen mehrere Zehntausend aus der Hochlohnregion des Westens) wollen heute nicht mehr Entscheidungen wie unsere Vorfahren vor hundert Jahren treffen. Sie misstrauen dem Schritt fuer immer. Sie legen sich nicht mehr fuers Leben fest, sondern fuer Lebensabschnitte. Wenn ein Economyflug von Paris nach Dubai oder von Mumbai nach Kapstadt nur noch 500 Euro kostet und nahezu taeglich bei Dutzenden Anbietern gleichzeitig zu haben ist, fuehlt sich der Wechsel von einem Kontinent auf den anderen nicht mehr als existentielle Herausforderung an. Dubai ist zahlreich an Menschen, die elektronisch und physisch global taetig sind. Diese Leute sind immer unterwegs, selbst wenn sie sich irgendwo niederlassen. Sie passen sich nur bis zu einem kulturell und sozial erforderlichen Minimum an die Gegenbenheiten eines Ortes an und vertrauen auf ihre Autonomie. Sie sind permanent in Bereitschaft, morgen aufzubrechen. Sie haben kein Interesse an der Verschmelzung mit einer lokalen Leitkultur, sie sind Kulturspringer.

Damit ist wahrscheinlich ein egoistisches Lebenskonzept entstanden, das zu einer groesstmoeglichen Unverbindlichkeit gegenueber der jeweiligen Gesellschaft vor Ort fuehrt. Dubai bedient dieses Konzept, weil seine (herrschenden) Einwohner vor einer tatsaechlichen Verschmelzung mit dem Fremden zurueckschrecken. Man kann das kritisieren, aber wenn die Fremden zehnmal haeufiger sind und oftmals aus kulturell ueberlegenen Nationen kommen, heisst Verschmelzung nichts anderes als die totale Aufgabe des Eigenen. Man kann einwenden, die Emiraties haetten die Fremden gerufen. Was waere die Alternative gewesen?

Die Krise der Zukunft

Und dann kam der Herbst 2008. Es war der suedafrikanische Unternehmer Kerzner , der mit einer 20 Millionen-Dollar-Party, an der u. a. Charlize Theron und Robert De Niro teilnahmen und deren Feuerwerk im Weltraum zu sehen war, sein 1,5 Milliarden-Hotel Atlantis eroeffnete. Die Welt schaute zu, fand ihre Klischeeurteile ueber die Verschwendungssucht der Emiraties bestaetigt, und alles schien noch in Ordnung zu sein. Vierzehn Tage spaeter bot das Fuenfsternehotel auf der Palme seine Zimmer fuer 30 Euro an. Die Bauinvestmentfirma, die fuer die Entwicklung der Palm Jumeirah verwantwortlich ist, kuendigte einen Personalabbau um 30 Prozent an und sagte spaeter ihr ambitioniertestes Projekt, den Nakheel Tower (geplante Hoehe: 1km) ab. Auf der 10-spurigen, bislang staendig staugefaehrdeten Sheikh Zayed Road plaetscherte der Verkehr ploetzlich so gemaechlich hin wie auf einer Landstrasse in Vorpommern.  Und wenn die Sonne gegen fuenf Uhr abends in den Golf eintauchte, sah man die Umrisse einer taeglich wachsenden Anzahl von Frachtern am Horizont. Sie transportierten Stahl, Glas, Fahrstuehle und Keramikplatten und warteten auf Einlass in den Hafen jener Stadt, die diese vielen Millionen Quadratmeter Baugrund ueberbaute und ein Viertel aller Baukraene der Welt beschaeftigte.

Die Stadt stand  beinahe still: Dubai (und seine Nachbarn) hatten einen grossen Teil seiner ehrgeizigen Bauplaene auf Eis gelegt. Mit dem vorlaeufigen Ende des Wall-Street-Kapitalismus und der sich ausweitenden Rezession machten sich auch in Dubai die Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise bemerkbar. Wie sollte es auch anders sein? Seit vor gut zwei Jahrzehnten die hiesige Regierung die Investitionsbedingungen fuer internationales Kapital beguenstigt hatte, hatten sich viele Unternehmen und Superreiche in der Stadt niederglassen. Nur ein Teil der Hotel- und Bueroanlagen, Shoppingmalls und Luxusapartments, Businesstower und Logistikstrukturen waren mit einheimischem Geld finanziert worden. Dubai wurde und wird  inzwischen von Indern, Saudis und Iranern, Russen und Amerikanern, Chinesen und Europaeern gebaut. Dubai war und ist das Produkt der ganzen Welt. Und wenn es der Welt nicht gut geht, so geht es auch Dubai nicht unbedingt gut.

Es gibt Leute, die den Bauinvestmentwahn von Dubai nach dem Crash mit den hybriden Abenteuern des Hedge-Fonds-Kapitalismus vergleichen: ruecksichtslose Spekulation und das Spiel mit dem Geld anderer  hier wie dort. Und die explosionsartige Zerstaeubung von in Jahrzehnten erwirtschafteten Werten. Diese Einschaetzung ist bestimmt nicht falsch, solange daraus nicht der Schluss gezogen wird, Dubai sei nichts anderes und nichts anderes gewesen als die finstere Hochburg der globalen Immobilienraubritter. Das Projekt Dubai ist zwar auf dem ersten Blick nichts als  eine Baustelle, beworben mit der einschuechternden Ikongrafie futuristischer Architektur, doch entsteht in dieser Kulisse laengst eine staedtische Gesellschaft, die kein Vorbild hat. Dubai ist nicht nur uebereilt dem Geiz und der Gier hingeworfene Hardware, es ist urbane Software im Zeichen bedingungsloser Globalisierung. Wie jeder radikale soziale Entwurf traegt er beides in sich: Hoffnung und Verderben.

Das Jahr 2009 ist fuer Dubai zum Jahr der Entscheidung ueber diese beiden Alternativen geworden. Bislang hatte es so ausgesehen, als koenne man am Golf alles absorbieren: Kapital, Menschen, Ideen. Zukunft. Nun hat sich gezeigt (mit Niklas Luhmann), die Zukunft laesst sich nicht planen. Sie geschieht. Wer juenger als Dreissig ist, hat nicht erlebt, dass es einmal nicht vorwaerts, schneller und weiter gehen kann. Scheich Mohammed hat die Emiraties zu Gelassenheit in der Krise aufgerufen und  in kleinem Kreise seinen Gefolgsleuten zugestanden, sie haetten in den letzten Jahren einen harten Wettlauf gegen die Zeit ausgetragen, nun sei eine Pause angesagt. Es mag beduinische Weisheit in dieser Losung mitschwingen, aber auch eine Menge pragmatischer Modernitaet.

Denn Dubai kann sich nicht allein aus der Klemme helfen. Der oelreiche Nachbar Abu Dhabi hat im Februar 2009 ein Rettungspaket von 80 Milliarden Dollar zugesagt. Natuerlich nicht, ohne Gegenleistungen zu fordern. Die Herren von Abu Dhabi kauften sich ein in den erfolgreichen Logistik-, Tourismus- und Bauinvestmentunternehmen des Nachbarn, und Dubai verlor seine wirtschaftliche Autonomie.

Was bedeutet das zum Beispiel fuer so einen filigranen Bestandteil des Gesamtmasterplans wie  die Kultur? Fuer die ehrgeizigen Plaene, am Golf in Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wie dem Louvre, den grossen deutschen Museen oder der St Petersburger Erimitage moderne Kunsteinrichtungen von internationalem Rang zu schaffen? Wird die Oper, von Zaha Hadid entworfen, trotz der Krise gebaut werden koennen?

Es wird ein paar Monate dauern, bis ueber dieses und andere Projekte die Wuerfel fallen, und niemand kann im Augenblick genau sagen, was passieren wird. Eines steht fest: Die Zukunft hat zwei Optionen. Entweder halten Dubai und die Staaten am Golf an ihrer Strategie fest, eine moderne islamische Gesellschaft mit globaler Praesenz und Kooperation aufzubauen, oder die Region wird ihre Bedeutung als internationaler Handelsplatz verlieren und islamistischer Reaktion geopfert werden.

Die aktuelle Revision hat deshalb auch etwas Gutes: Sie trennt die Spreu vom Weizen und verlangt den Herrschern am Golf ein Bekenntnis ab zu jenen Projekten, die fuer die Weiterentwicklung ihrer Laender wichtig sind. Es hat  bittere Entscheidungen gegeben. Es ging  unter anderem um die Beantwortung der Frage: Welche Rolle spielen Kultur und Bildung fuer Scheich Mohammed und seine Regierung?

Wenn man in diesen Geschaeften taetig ist, wuenscht man sich , dass die Stille des Jahres 2009 nicht einer Laehmung, sondern dem Nachdenken geschuldet ist. Es gibt keinen Grund, Kulturentwicklung ausschliesslich durch massive und kostspielige Bauvorhaben zu definieren. Kultur ist auch, aber nicht in erster Linie (ikonografische) Architektur. In Zeiten des Mangels ist Bescheidenheit sicherlich auch am Golf eine Tugend. Es koennte sein, dass nun ungenutzt bleibende, ehemals fuer kommerzielle Zwecke vorgesehene Raeume zu Kulturstaetten umgewidmet werden. Investmentbrachen anstatt Hochglanz fuer die Kunst. Ridiculously modest koennte die Maxime sein, mit der die Karawane weiterziehen wird.

Die neue Lage wird den Wettbewerb zwischen Abu Dhabi und Dubai auf ein gesundes Mass drosseln. Warum? – Grob gesagt verfuegt Abu Dhabi ueber die notwendigen natuerlichen und Dubai ueber die notwendigen Bevoelkerungsressourcen, um eine metropolitane Infrastruktur fuer Kunst und Kultur aufzubauen. Der Nachbar im Sueden wird noch hundert Jahre lang Gas und Oel foerdern. Das ist eine stabile finanzielle Perspektive. Dubai beherbergt bereits dauerhaft nahezu 2 Millionen Einwohner und Touristen, und die kommen aus aller Herren Laender. Kaum eine Stadt der Welt ist derart der Zukunft verpflichtet, nirgendwo wird die Frage nach dem, was kulturelle Identitaet bedeutet, exemplarischer gestellt.

Die beiden Emirate werden in den naechsten Jahren staerker voneinander profitieren. Dubai von Abu Dhabis materiellem, Abu Dhabi von Dubais sozialem Reichtum. Abu Dhabi wird die Nachbarstadt als Generator neuer Ideen und urbaner Kommunikationsformen brauchen. Schon heute ist die  120 km lange Kuestenlinie zwischen den beiden Emiraten durchgehend Bauentwicklungsgebiet. Abu Dhabi und Dubai wachsen zusammen.  Es ist nicht die Not, sondern die Klugheit, die dazu raet: zu einem selbstbewussten, einem krisenerfahrenen Aufbau  von Abu Dubai.

Wie international wird Dubai in Zukunft sein? Wieviel Europa wird es dort geben?

Aber die Emiraties werden es wahrscheinlich allein nicht schaffen, den Weg der Modernisierung ueber die heutige Krise hinaus energisch fortzusetzen. Bei allen Schwaechen und kritikwuerdigen Systemfehlern ist Dubai eine Einladung an die Welt gewesen, sich am Aufbau einer nachhaltigen offenen Gesellschaft mit islamischem Hintergrund zu beteiligen. Das ramponierte Projekt Dubai ist alles in allem das Produkt eines Aufschwungs, der ohne die namenlosen Bauarbeiter aus Asien ebensowenig zu denken ist, wie ohne Millionen von westlichen Touristen und Hunderttausende von Spezialisten und Geschaeftsleuten aus aller Welt (auch aus Europa). Die Golfregion ist vielleicht (noch) materiell reich, bestimmt aber nicht reich an (einheimischen) Menschen.  Ohne die Fremden waere die Region bald wieder das, was sie vor wenigen Jahrzehnten noch war: ein duenn besiedelter Wuestenstreifen mit unsicherer wirtschaftlicher und sozialer Zukunft, leicht anfaellig fuer religioesen Fundamentalismus.

Der wirtschaftliche Niedergang der letzten Monate hat in den US-amerikanischen und vielen europaeischen Medien die alten Vorwuerfe und Zweifel gegenueber Dubai wieder lauter werden lassen. Der schonungslose Umgang mit ungewohnten Sozialproblemen wie Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Not, die geplatzte Immobilienblase, der Exodus der Reichen und sozial Flexiblen, die Krise der Bauindustrie und des Tourismus, all diese zutreffenden Phaenomene einer sich im Laufe des Jahres 2009 weiter zuspitzenden wirtschaftlichen und sozialen Krise haben westlichen Beobachtern oft Anlass gegeben, Scheich Mohammeds “Unternehmen Dubai” bereits abzuschreiben. Und in vielen Faellen wurden Untergangsszenarien entworfen, denen die Genugtuung ihrer Autoren anzumerken war. Dubai schien reif fuer eine Abrechnung. Auf die Hybris eines Wuestenherrschers (“Nummer Eins”) folge nun seine weltweit ausgestellte Bestrafung und die seines Gefolges.

So berechtigt harsche Kritik beispielsweise am Umgang mit den aus Indien, Pakistan oder Bangladesh stammenden Bauarbeitern ist, der Westen sollte seinen Beitrag an der weiteren Entwicklung am Golf und speziell in Dubai nicht auf eine Verurteilung etwa der Verletzung von Menschenrechten “von aussen” beschraenken. Oder gar auf gratismutige Schadenfreude ueber das Ende eines vermeintlich wirtschaftlich, sozial und oekologisch gescheiterten Experiments. Die Emirate, die Staedte am Golf insgesamt benoetigen den Dialog mit den grossen Wirtschaftsnationen des Westens mehr denn je.

Und insbesondere Europa wird aus mindestens drei Gruenden an der Intensivierung dieses Dialogs interessiert sein:

Erstens: Die geopolitische Situation der Golfstaaten ist alles andere als beneidenswert: Nicht nur, dass bei Aussentemperaturen im Sommer von bis zu 50 Grad Celsius (und sehr hoher Luftfeuchtigkeit) urbanes Leben nur unter technologisch und staedteplanerisch schwierigen Bedingungen herzustellen ist, die Emiraties sind insbesondere von direkten und indirekten Nachbarn umgeben, die vor allem bekannt sind fuer poltischen Unfrieden und religioesen Fanatismus: Yemen, Pakistan, Afghanistan, Iran, Irak, Saudi Arabien. Die Nachbarn sind uebrigens nicht nur Nachbarn, sie operieren zum groessten Teil auch in den Emiraten. Wie gross der politische wie wirtschaftliche Einfluss von beispielsweise Saudi Arabien, dem Iran oder Pakistan wirklich ist, wird wohl niemand mit Sicherheit sagen koennen. Aber man kann sich vorstellen, dass in einer solchen Umgebung der Aufbau einer weltoffenen und toleranten Gesellschaft ein Wagnis ist, dem der Westen seine Sympathie nicht versagen sollte.

Im Gegenteil: Die Gruendung der VAE vor knapp vierzig Jahren stand im Zeichen einer foerderativen Vereinigung von Teilstaaten mit dem Ziel gesellschaftlichen Fortschritts und sozialen Wohlstands. Unter den gegebenen Umstaenden darf man nicht erwarten, dass die Ueberfuehrung einer beduinischen in eine moderne Gesellschaft mit vollstaendiger Anerkennung aller Menschenrechte in vierzig Jahren abgeschlossen werden kann. Die Bestrebungen der emiratischen Herrscher, Verbesserungen von Lebensverhaeltnissen nicht nur fuer die einheimische sondern auch die auslaendische Bevoelkerung herbeizufuehren, sind nicht zu verkennen. Zugleich bildet der Mittlere Osten irgendwie das Scharnier zwischen Europa und dem Fernen Osten. Es kann kein Zweifel an einer massgeblichen Bedeutung dieser Region fuer die poltische und wirtschaftliche Weltentwicklung im 21. Jahrhundert bestehen. Das politische Modell Europa mit seinen hohen Rechts- und Sozialstandards muesste den ehrgeizigen Herrschern am Golf zum Vorbild bei der Gestaltung ihrer eigenen Gesellschaft dienen. Zugleich wuerde sich unter den voellig neuartigen Bedingungen auf der arabischen Halbinsel erweisen, wie tauglich unser europaeisches System selbst im Kontext anderer und juengerer Kulturen ist.

Zweitens sind wirtschaftliche Verflechtungen entstanden, die zu einem gegenseitigen Interesse an einer Erholung der oekonomischen Situation auch am Golf gefuehrt haben. Die Beteiligungen von grossen arabischen Investmentfonds an amerikanischen und europaeischen (auch deutschen) Unternehmen zeigt, dass die Golfstaaten an die Langfristigkeit von engen Wirtschaftsbeziehungen zu Europa und deren Profitabilitaet und Innovation glauben. Die Zeiten, da Oelscheichs ihre Millionen in Apartments an der Fifth Avenue oder in Platingeschirr angelegt haben, sind vorbei. Man will teilnehmen an der Gestaltung der globalen Wirtschafts- und Finanzmaerkte und beruft sich selbstbewusst auf das eigene Investitionspotential. Die Golfstaaten scheinen auch unter dem Druck der internationalen (also meist kritischen westlichen) Offentlichkeit innovative Wirtschaftszweige fuer sich entdeckt zu haben. Abu Dhabi plant eine muellfreie Stadt fuer fuenfzigtausend Menschen, viele der kreativen Umweltunternehmen aus etwa Deutschland oder den USA tummeln sich heute in Dubai und andernorts am Golf.

Schliesslich wird der Golf die Diversifizierung seiner Oekonomie weiter vorantreiben muessen. Wenn man nicht nur eine Oelquelle mit Shoppingmall sein moechte, wird man Strategien entwickeln muessen, wie neben dem Handel auch die Produktion von Guetern intensiviert werden kann. Fuer all diese Anstrengungen braucht die Region eine funktionierende Logistik: einen grossen Flughafen und einen entsprechenden Hafen, Infrastruktukturen fuer Finanzdienstleister und Kommunikation. Dubai hat alles das. Auch deshalb ist es so wichtig, die Stadt nicht mit ihren Problemen alleinzulassen.

Drittens leben schon heute ungefaehr eine Viertelmillion Europaeer am Golf. Viele von ihnen werden Dubai in 2009 verlassen, aber andere Menschen aus dieser Region (werden) kommen. Sie werden im Durchschnitt vor allem realistischer ueber die Stadt ihrer Hoffnungen denken und auf groessere Schwierigkeiten und mehr Hindernisse bei der Entwicklung ihrer persoenlichen Lebensperspektive vorbereitet sein. Und sie werden vielleicht ein Sozialsystem vorfinden, das besser als das bestehende auf wirtschaftliche Unbilden zu reagieren vermag. Dubai und die Region am Golf wird also weiterhin ein Stueck Europa beinhalten, verkoerpert durch einen erheblichen Bevoelkerungsanteil, der wahrscheinlich (wie bisher) an der Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen besonderen Anteil haben wird. Denn viele dieser Menschen sind entweder als regierungsnahe Spezialisten direkt an der Fortsetzung des Projektes Dubai beteiligt, oder entwickeln (wie in der Vergangenheit) soziale und kulturelle Initiativen, die Dubai zu einer reicheren und vielgesichtigen Stadt machen.

Es ist noch nicht ausgemacht, ob das gesellschaftliche Experiment Dubai eine positive und erfolgreiche Fortsetzung finden wird. Die Vision Scheich Mohammeds, in forschem Tempo eine moderne Gesellschaft aufzubauen und Menschen aus aller Welt einzuladen, sich an diesem Aufbau zum gegenseitigen Vorteil zu beteiligen, stellt fuer die islamische Welt eine ungeheure Herausforderung dar. Mit dem Einbruch der Krise steht infrage, ob die Emiraties in ihrer Mehrheit bereit sind, dieser Vision weiter zu folgen. Denn auch die einheimische Bevoelkerung leidet unter den Folgen des wirtschaftlichen Niedergangs, und die Sorge um die Zukunft breitet sich aus. Leicht koennte die Stimmung umschlagen und die Reform- und Modernisierungsgegner ans Ruder bringen. Aus verstaendlichen Gruenden ist es vielen Emiraties zu schnell gegangen mit der Umgestaltung ihrer Lebenswirklichkeit. Sie fuehlen sich in die Ecke gedraengt, in einer fremde, hypermoderne Glitzermetropole verbannt, die sie sich nur bedingt ausgesucht haben und die so wenig gemein hat mit ihrer Welt von gestern. Und waehrend sie immerhin bis eben noch an einem allgemeinen Fortschritt und Wohlstand partizipierten, steht nun auch das zur Diskussion.

Ein Schweizer Magazin frohlockte vor ein paar Monaten in einem die Krise am Golf in drastischen Farben schildernden Beitrag auf dem Titel: Good bye, Dubai. Morgendland ist abgebrannt. Ja, leider ist Morgenland in vielen Regionen abgebrannt: In Palaestina oder dem Irak, Pakistan oder Afghanistan. Und kein Ende in Sicht. Andererseits sitzen wir, der Westen, Europa laengst nicht mehr in der Splendid Isolation eines politisch und wirtschaftlich unanfechtbar stabilen Systems. Das hat die gegenwaertige weltweite Wirtschaftskrise deutlich gemacht. Wir taeten gut daran, alle auch problematischen Anstrengungen, eine Alternative zum Clash of Cultures zu entwickeln, energisch unterstuetzen. Dubai war und ist eine solche Anstrengung. Und sie wurde von Millionen Menschen in der islamischen Welt als solche gesehen. Viele  von ihnen sahen und suchten in Dubai nicht nur materiellen Reichtum, sondern auch politische und soziale Sicherheit. Das gilt ebenso fuer eine wachsende Zahl von arabischen und iranischen Kuenstlern in der Diaspora. Sollte Dubai im Zuge einer Normalisierung  des Immobiliensektors fuer sie erschwinglicher werden, hat die Stadt noch mehr als heute die Moeglichkeit, ein kreatives und intellektuelles Zentrum der Region zu werden.

Vielleicht ist Dubai die kuehnste, radikalste und problematischste Unernehmung der arabischen Gegenwart. Gerade deshalb braucht es ein aufgeschlossenes Europa, das an seinem Schicksal interessiert ist.

Erschienen in Die Welt, Januar 2010.

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