Michael Schindhelm | KOLUMNE 7 – GAZETA.RU

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Kolumne 7 – gazeta.ru

Moskau im Mai. Eine Sonne sinkt hinter die Kuppeln der Erloeserkirche und taucht die Stadt und den Fluss in ein messingfarbenes Licht. Im Zentrum sind ueberall viele Menschen auf den Strassen, und sie hasten auch nicht mit verschlossenen Mienen vorueber, sondern sie lehnen sich ueber die Brueckengelaender, sitzen in den Parks, flanieren ueber die Boulevards. Die meisten von ihnen sind jung oder wollen zumindestens jung aussehen, die Frauen gehen in Sommerkleidern, manche in ausgefallenem Boheme-Look, es wird gelacht und irgendwo an der Novokuznezkaya auch gesungen. Es scheint eine Unmenge Strassencafes aufgemacht haben, und auf ihren Terrassen sitzt die sogenannte kreative Klasse und schluerft einen Chardonnay…

Man kann kaum glauben, dass das dieselbe Stadt ist, in der vor vier Wochen noch kniehoch der Schnee gelegen hat und man selbst am Samstagabend das Gefuehl hatte, mit ein paar anderen versprengten Auslaendern allein unterwegs zu sein. Moskau im Mai, das ist eine pulsierende Grossstadt mit einem urbanen, selbstbewussten, irgendwie kosmopolitischen Publikum.

Kein Wunder also, dass angeblich bis zu sechzig Millionen Russen Sehnsucht nach diesem Ort haben und am liebsten hier leben wuerden. Die Stadt platzt auch tatsaechlich aus allen Naehten. Dutzende Kilometer an Strassen und neuen Metrostrecken werden gebaut, Richtung Suedwesten soll Moskau hinaus in die Landschaft fuer Millionen Menschen und grosse Verwaltungen erweitert werden.

Zieht man in Betracht, dass Moskau ohnehin schon die groesste Stadt Europas ist – und strenggenommen die einzige sogenannte Megacity – , koennte man den Eindruck gewinnen, die Zukunft sieht fuer diese Stadt besonders rosig aus: eine junge, lebendige, wachsende Metropole am oestlichen Rand des Alten Kontinents, die Drehscheibe zwischen West und Ost.

Aber in Moskau herrscht nicht immer Fruehling, und es liesse sich auch ein anderes Bild zeichnen. Demzufolge ist zum Beispiel gar nicht sicher, wie viele Menschen in Europas groesster Stadt eigentlich wohnen. Gemaess der letzten Volkszaehlung sollen es ca 10,5 Millionen gewesen sein, doch unabhaengige Demographen gehen von einer weitaus groesseren Bevoelkerung aus. Moskau allein koennte in den letzten zehn Jahren bis zu acht Millionen Migranten aufgenommen haben, von denen jedoch die Mehrheit illegal eingewandert ist. Das problematische Propiska-System macht es bekanntlich nicht nur neuen Einreisenden schwierig, sich in der Stadt niederzulassen oder anzusiedeln, sondern auch einem grossen Teil von Leuten, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kommen bzw. deren Nationalitaet haben und oft schon seit langem in der Stadt leben.

Die Dunkelziffer illegaler Einwanderer ist also gigantisch und koennte die Einwohnerzahl von Moskau um bis zu 50 Prozent hoeher ausfallen lassen als offizielle Statistiken zugeben. Illegale Einwanderung koennte demografischen Untersuchungen zufolge auch die Ursache dafuer sein, dass Moskau weit weniger „russisch“ ist, als Volkszaehlungen und selbst der Augenschein im Stadtbild glauben machen. Die Studie „Moskovkoye Getto“ von Evgeniy Sigal aus dem Jahre 2007 geht zum Beispiel davon aus, dass nur 31 Prozent der Moskauer Bevoelkerung tatsaechlich Russen sind, waehrend der Census von 2002 85 Prozent errechnet hatte. Der Direktor des Demografischen Instuts in Moskau Igor Beloborodov glaubt, dass dank der Attraktivitaet, die Moskau fuer Arbeitskraefte aus den verhaeltnismaessig armen Regionen des Kaukasus und Zentralasiens hat, die ethnische Komposition der Stadt sich mittelfristig radikal veraendern wird. Schon heute, so Beloborodov, koennte ein Viertel der Bevoelkerung Russlands (und ein noch hoeherer Anteil der Moskauer!) muslimischer Herkunft sein, gegenueber den offiziell angenommenen 14 Prozent. Da die muslimischen Regionen oekonomisch weiter zurueckfallen koennten, zugleich aber die hoechsten Geburtenraten haben, wird sich diese Entwicklung wahrscheinlich fortsetzen.

Untersuchungen des „Fonds der oeffentlichen Meinung“ zufolge geben 37 Prozent der Moskauer Bevoelkerung an, der Islam sei die am wenigsten gewuenschte Religion. Waehrend sich 67 Prozent der Befragten selbst als auslaenderfreundlich bezeichnen, geben 63 Prozent zugleich zu, dass sie fuer die Beschraenkung der Zuwanderung aus bestimmten Nationalitaeten eintreten wuerden. Zudem ist mit der rapiden Einwanderung aus China zu rechnen, die allmaehlich vom sibirischen Teil auch nach Moskau vordringen wird. Demografischen Annahmen entsprechend koennten im Jahre 2080 bis zu siebzig Prozent der Bevoelkerung Russlands aus Immigranten oder deren Kindern bestehen. Moskau waere dann gewiss eine andere Stadt als die heutige russische Kapitale.

Es ist deswegen zwar bitter, aber nicht ueberraschend, dass die Auslaenderfeindlichkeit seit Jahren hoch ist und immer wieder in dramatischen Hoehepunkten eskaliert, wie im Dezember 2010, als die Polizei Ausschreitungen zwischen russischen Jugendlichen und solchen vor allem kaukasischer Minderheiten kaum Herr zu werden vermochte. Sogenannte Buergerbewegungen eher extremer Praegung fordern Massnahmen, um Auslaender nichteuropaeischer Ethnien aus dem Zentrum der Stadt fernzuhalten, angeblich zu ihrem eigenen Schutz vor Uebergriffen.

Xenophobie als Folge von Ueberfremdung durch andere Nationalitaeten ist insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Instabiliaet keine Seltenheit. Wer aufmerksam den franzoesischen Wahlkampf der letzten Monate beobachtet hat, konnte sich davon ueberzeugen, wie die Spitzen der politischen Elite der sogenannten Grand Nation sich nicht zu Schade sind, auf der Klaviatur der Auslaenderfeindlichkeit zu spielen, um sich die Stimmen von frustrierten Franzosen zu sichern, die vor allem magrebhinischen und afrikanischen Einwanderern, die sich nicht in ihre Gesellschaft integrieren, die Schuld an der eigenen Misere zu geben. Nachdem auch in England, Holland oder in Deutschland die Gewalt aufflackerte, erklaerten juengst viele fuehrende Politiker, das Konzept der Multikulturalitaet sei gescheitert.

Tatsaechlich scheinen die bisherigen Konzepte zur Integration von Auslaendern in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges, der Oeffnung der Grenzen und dem Beginn der Globalisierung nicht mehr zu funktioneren. Illegale Einwanderung ist auch in Westeuropa ein Problem. Aber waehrend man in den meisten Laendern davon ausgehen kann, dass es nicht zu spaet ist, mit einigen pragmatischen Massnahmen zur energischeren Integration von Migranten die Lage unter Kontrolle zu halten, kann bezweifelt werden, ob das auch fuer Moskau und Russland gelten kann. Grossbritannien hat beispielsweise ernsthaft die Amnestie fuer alle illegalen Einwanderer erwogen. Oekonomen wollen errechnet haben, dass dies sogar zu hoeheren Staatseinnahmen fuehren koennte, wenn diese Einwanderer Steuern zahlen wuerden. Demgegenueber wuerde die Ausschaffung der Illegalen Berechnungen zufolge zwanzig Jahre in Anspruch nehmen und bis zu 12 Milliarden £ kosten. Der grosse Unterschied: Grossbritannien schaetzt seine illegalen Einwanderer auf 570 000, in Russland sind es viele Millionen…

Die vielleicht noch groessere Problematik fuer Russland und seine Hauptstadt stellt aber nicht die (illegale) Einwanderung der Fremden dar, sondern der Rueckgang der russichen Bevoelkerung selbst. Selbst wenn sich die Regierung das Ziel setzt, bis 2025 die Bevoelkerungszahl von 142 Millionen auf 145 Millionen zu erhoehen, scheint die Frage zu sein, wie viele davon Russen sein werden. Die Geburtenrate ist eine der niedrigsten, die Abtreibungsrate die hoechste in der Welt. Diese Zahlen lassen vermuten, dass viele Russen und vor allem Russinnen nicht sehr zuversichtlich in die Zukunft schauen. Andere haben in grosser Zahl das Land verlassen. Allein in den letzten zwanzig Jahren sind zum Besipiel mehr als 80 000 Wissenchaftler Richtung USA, Israel oder Deutschland ausgewandert.

Die Frage ist also nicht nur, welche und wie man Auslaender integriert, sondern auch, wie den eigenen Leuten mehr Zutrauen in die eigene Nation zu geben. In diesen Tagen feiert das Land den grossen Sieg ueber Nazi-Deutschland. Sicherlich ist da immer auch ein wenig Sentimentalitaet ueber eine fruehere Groesse im Spiel. Aber das Moskau des Jahres 2012 ist Teil einer neuen Welt, die komplexer und komplizierter geworden ist.

Andere Nationen haben gezeigt, dass sie ihre Migrationsprobleme nur haben loesen koennen, wenn sie ein gesundes Verhaeltnis zu sich selbst gehabt haben. Laender mit sozialer Stabilitaet und einem starken Gemeinwesen haben auch Platz fuer die anderen gefunden, die sich zu ihnen gesellt haben. In diesen Tagen im Mai stelle ich mir die Frage, ob das Russland von morgen die Kraft haben koennte, ein solches Gemeinwesen zu werden.

Erschienen auf gazeta.ru.

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