Michael Schindhelm | DIE SHOPPINGMALL ALS OPER DES KONSUMISMUS

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Die Shoppingmall als Oper des Konsumismus

Im Februar 2007 trat ich meinen Auftrag in Dubai an. Auf Einladung der Regierung sollte ich unter anderem beim Aufbau eines Opernhauses helfen, dessen Entwurf von der Architektin Zaha Hadid stammte. Wenige Tage zuvor hatte das Nachbaremirat Abu Dhabi angekuendigt, einen Ableger des Louvre und eine Filiale der Guggenheim eroeffnen zu wollen. Meldungen ueber unvorstellbare Finanzbetraege (angesichts derer die Waehrung zu einem unbedeutenden Anhaengsel wurde) und die Namen von Stararchitekten und deren Modelle gingen um den Feuilleton-Globus.

Ich ging also nach Dubai und versuchte mir so wenig wie moeglich feste Vorstellungen davon zu machen, was mich dort erwarten wuerde. Immer schoen offen bleiben, versuchte ich mir klar zu machen. Allerdings hatte ich schon vor dem Abflug das Gefuehl, ein „Opernhaus“ in Dubai koenne unmoeglich dasselbe werden wie ein Opernhaus in Zuerich, Berlin oder Mailand. Ich stellte mir eigentlich eher eine Kombination aus Spielstaetten vor,  die heute Cosi fan Tutte und morgen ein libanesisches Tanztheater auf dem Programm haetten, dann vielleicht einen Auftritt des Cirque du Soleil, eine moderne Pekingoper und ein Bollywoodmusical. Und der Zuschauerraum waere tatsaechlich ein Melting Pot aus Menschen, die aus aller Welt kaemen, so wie das in Dubai nun mal der Fall ist.

Auch wenn ich nicht den deutschen Dickkopf spielen wollte, der alles besser weiss, die Begegnungen  mit emiratischen Regierungsvertretern sollten mich bald lehren, dass eine Oper nicht mit dem ueblichen Dubai Speed aus dem Wustenssand  zu zaubern sein wuerde wie Wolkenkratzer, Shoppingsmalls und Hotelanlagen. Zu den Sternstunden meiner Lehrzeit gehoerte eine entscheidende Konferenz etwa zwei Monate nach meiner Ankunft in den Emirates Towers, dem Sitz der Regierunsgspitze. Ich war ohne Vorwarnung gemeinsam mit den einheimischen Kollegen und ein paar anderen Arabern, die fuer den Opernbau zustaendig waren, zum Staatsminister geladen und ahnte, heute wuerde es irgendwie ums Ganze gehen. Das Treffen fand auf dem 47. Stock statt. Ich sprach von den unterschiedlichen Nationalitaeten im Lande und dem Auftrag, deren Interessen an Musik und Theater durch ein Programm aus westlicher und nichtwestlicher Kunst Rechnung zu tragen, hielt es ausserdem fuer eine gute Idee, das Beispiel eines jungen chinesischen Pianisten zu zitieren, der zu einer Zeit geboren wurde, als nach der Kulturrevolution in seinem Heimatland kein Klavier zu finden war, und der inzwischen,  fuenfundzwanzig Jahre spaeter, einer der beruehmtesten und erfolgreichsten Interpreten von Chopin und Schumann war. Als ich meinen Vortrag beendet hatte, wollte Seine Exzellenz der Staatsminister wissen, warum ich im Konzept nur eine kleine Buehne fuer Theater, eine grosse fuer Oper und eine Konzerthalle vorgesehen hatte. Er erinnere sich noch an die spaeten siebziger Jahre, wo man mit den Kinos einen aehnlichen Fehler gemacht und nur einen Saal geplant habe, und dann sei Multiplex gekommen mit fuenfundzwanzig Leinwaenden. Das muesse doch auch mit der Oper gehen! Ich hatte keine Zeit, das komisch zu finden. Irgendwie war ich dem Minister dankbar fuer diesen Einwurf. Kino versus Oper! Ich hatte die Gelegenheit zu erklaeren, dass es Kunst gibt, die profitabel ist (Kino) und solche, die profitabel macht (Oper). Filmkunst bringe direkte Einnahmen fuer die eigene Kasse, Oper hingegen indirekte Einnahmen fuer viele Kassen und die ganze Stadt. Aber nur, wenn die Regierung dafuer vorher tief in die Tasche greife.

Darauf ging es unter den Anwesenden in arabischer und englischer Sprache munter durcheinander. Ich spuerte, das mit der Regerung, die tief in die Tasche greifen muesse, machte meinen Gespraechspartnern Sorge. Schliesslich fiel dem Minister ein, dass ich im Zusammenhang mit einem Jahreskalender fuer die Bespielung des Kulturkomplexes erwaehnt hatte, an manchen Abenden koenne aufgrund von Proben nicht gespielt werden. Nicht in diesem Land, rief er mir mit freundlichem Grimm zu und guckte sich in der Runde um. Pausen mag man sich in anderen Teilen der Welt leisten koennen, in Dubai wuerde gearbeitet.

Schliesslich erzaehlte er mir von seinem vorletzten Besuch in New York. Er habe am Times Square gewohnt und King Lion gesehen. Solche Sachen muessten wir in unserem Haus machen. Der Minister erinnerte sich, vor einem Jahr haette hier ein dicker alter Italiener gesungen, auf einer Freilichttribuene in der Naehe des Bankenviertels. Ich bestaetige ihm, den Mann zu kennen, er sei eine internationale Groesse. Seine Exzellenz guckte mich durch seine schmalen Brillenglaeser misstrauisch an: Ob das Geschrei von dem Dicken auch Oper sei?

Die Welt von Dubai des Jahre 2007 und 2008 hatte im Grunde schon alles zu bieten: Konzerte mit Renee Fleming oder dem English Concert, eine Nussknackerauffuehrung aus Russland, Shakira, libanesische Musicals, pakistanischen Rap und iranischen Pop. Ein deutscher Dirigent, der in seinem Vorleben als Pilot bei der Lufthansa gearbeitet hatte, leitete seit einiger Zeit mit grossem Ehrgeiz ein Amateurorchester und spielte zu Firmenanlaessen aus James Bond und der Zauberfloete. Vor allem aber gab es den ganz anderen oeffentlichen Raum, Dubais wirklich grosse Oper, das Basar des 21. Jahrhunderts…

Man konnte erkennen, die Shoppingmall bildete den klimatisierten Marktplatz fuer alle, Kind und Kegel, Bauer und Edelmann. Technologie machte es moeglich, dass gleich eine Skipiste eingebaut war, das Volk entweder von Liften und Rolltreppen bewegt wurde oder ueber pausenlos von pakistanischem Personal sauber gehaltenen Marmor, Porphyr oder Granit schritt.

Auch ich taendelte zum homophonen Singsang einer hauseigenen Loungemusik durch die tadellosen Galerien der ‘Mall of the Emirates’ und liess mir in einem Schnellcafe von einem indonesischem Boy einen Grande Latte ueber den Tresen reichen. Ich begegnete einer vielkoepfigen emiratischen Familie. Die Kids trugen nur den Dischdasch (auf dem Kopf keine Guthra), schwenkten manchmal die Arme, um ihren massigen Koerper voranzubringen, denn viele von ihnen haben Uebergewicht. Die zart gebauten Muetter schritten wie schwarze Statuen durch die Menge, oft die Haende vor der Brust, ein pinkfarbenes Handy umklammernd, sie schritten an Plakaten vorbei, wo emiratische Frauen wie schwarze Statuen durch Shoppingmalls wandelten. An der Seite von Ehegatten, die hier nichts weiter waren als Ehegatten, die rechtzeitig die Kreditkarte zogen. Aber ich sah auch europaeische Touristen in kurzen Hosen, mit sonnenverbranntem Gesicht, nervoes die Regale nach Schnaeppchen absuchend; dreissigjaehrige libanesische Investmentbanker, die mit Seitenblicken in Schaufenstern ihr Spiegelbild ueberprueften, sich ihren Gang und ihren Stil von einer Boss-Werbung abgeguckt hatten. Britische Teens, die im Multiplex ‘Ratatouille’ gesehen, polnische Akrobaten, die unter dem Glasdach der Zentralhalle eine Vorfuehrung auf dem Hochseil geboten hatten, eine franzoesische Familie, die einen uebervollen Warenkorb Richtung Parkhaus vor sich her schob, einen Clown, der Lose verteilte, mit denen man einen Bentley gewinnen konnte, Immobilienberater, die mir auf einem Bildschirm meine Traumvilla in Culture Metropolis zeigen wollten…

Ich verstand, die Shoppingmall ist das Opernhaus des globalen Konsumismus. Kaufen ist nicht einfach eine Ware-Geld-Beziehung zwischen Haendler und Konsumenten, sondern ein nicht enden wollendes Wechselspiel zwischen Buehne und Publikum. Die Marke gibt den Ton an, das Preisschild sorgt fuer Nervenkitzel und spaetestens im Schlussverkauf fuer Ovationen. Die tallierte Abaya von Dior, die neue LV-Handtasche mit der ausgefallenen Silberschnalle (und 12-Karat-Stein), der Seidenteppich aus Isfahan  und das Olivenbrot von Paul, fondee en 1889, die Sonnenbrillen und Knoblauchpressen, Reisekoffer und Mingvasen, Bionicles und Game Boys dienen einer Triebentladung, wie sie andernorts in Fussballstadien oder Strassenschlachten stattfindet. Oder in Opernhaeusern.

Die Oper und viele andere Kulturprojekte sind der Wirtschaftskrise des Jahres 2009 zum Opfer gefallen. Ein Ort, der sich wie Dubai mit voller Emphase der Globalisierung verschrieben hat, wird natuerlich besonders hart getroffen, wenn es der Welt wirtschaftlich schlecht geht. Man konnte vor Monaten lesen, dass der Zauber zunaechst einmal vorbei ist. Dennoch besteht kein Grund zur Schadenfreude. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, wer Dubais direkte und indirekte Nachbarn sind: Iran, Irak, Afghanistan, Pakistan, Yemen. Jene Laender, die regelmaessig fuer die brennenden Bilder in den Abendnachrichten sorgen, fuer religioesen Fanatismus und politische Krisen stehen. Der Versuch, unter solchen Bedingungen eine weltoffene Gesellschaft aufzubauen, sollte dem Westen Respekt abnoetigen. Diese Welt braucht vielleicht noch keine Oper, aber eine oeffentliche Kultur, Raeume, in denen Menschen aus den verschiedensten Kulturen einander begegnen und ihre Kuenste erleben koennen.

So aehnlich hat es mit dem Kulturaufbau auch einmal bei uns begonnen. Insofern kann man Dubai und dem Golf nur wuenschen, dass es weiter geht mit der Kulturkonjunktur. Mit weniger Kommerz und Luxus, aber mit der bisherigen Offenheit und Neugier, die Dubai stark gemacht haben. Dann wird es dort auch weiterhin Dubais grosse Oper geben.

Erschienen in Du-Magazin, Mai 2010. 

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