Michael Schindhelm | THüRINGEN 2020

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Thüringen 2020

Es gibt Leute, die nehmen an, so koennte Thueringen 2020 aussehen: die Bevoelkerung seit der Wende um zwanzig Prozent geschrumpft; der Anteil der Menschen im Rentenalter seit 2010 um zwei Drittel gestiegen, der der 16- bis 25-jaehrigen um fast die Haelfte zurueckgegangen. Vor allem junge Frauen haben dem Land den Ruecken gekehrt. Landstriche im Sueden, Norden und Osten sind veroedet, Doerfer sterben aus, Haeuser stehen leer, auf den Strassen kein Leben.  Auch die Unabhaengigkeit des Freistaats steht auf dem Spiel. Die Finanzzuwendungen aus Bruessel und Berlin (Solidarpakt) sind eingestellt worden, die Einnahmen des Landes dementsprechend auf zwei Drittel gegenueber vor zehn Jahren zurueckgegangen. Neunzig Jahre Thueringen ist keine Geburtstagsfeier, sondern eine vorgezogene Beerdigung. Ueber die Fusion mit Nachbarbundeslaendern wird nicht mehr nur gemunkelt. Und die Kultur? Die Theater, Museen, das Erbe? Viel ist eh nicht uebrig geblieben, und seit die Kommunen und Landkreise selbst ihre Pflichtaufgaben nicht mehr erfuellen koennen, bleibt wohl nur eine flaechendeckende Schliessung bei Scheinaufrechterhaltung von ein paar Leuchttuermen, die aber im zunehmenden Dunkel auch eher wie Warnblinkanlagen aussehen. Es musste ja so kommen. War ja alles schon 2010 vorausgesagt worden.

Muss es so kommen? – Vielleicht gehoere ich zu den unverbesserlichen Optimisten und habe ohnehin gut Reden, wo ich schon seit fuenfzehn Jahren nicht mehr in Deutschland (geschweige Thueringen) zu Hause bin, aber ich glaube nicht an den Untergang und stelle mir vor, dass nach wie vor, wo Gefahr ist, das Rettende auch waechst.

Es hat eventuell etwas Gutes an sich, schon heute zu wissen, dass die Bevoelkerung in Thueringen schrumpfen und aelter werden wird. Nicht, weil Thueringen heute zuviele und zuviele junge Menschen hat, sondern weil sich der Freistaat jetzt ernsthaft mit diesen Tendenzen auseinander setzen kann und muss, um sie wenigstens mittelfristig wieder umzukehren. In jedem persoenlichen Leben, aber auch in dem eines Gemeinwesens, gibt es Momente, wo sofort entschieden und gehandelt werden muss, um Schlimmes abzuwenden, aber auch solche, in denen Probleme nur mit einer langfristigen Perspektive – man muesste vielleicht sogar zugeben, es sei eine Vision – angegangen werden koennen.

Als 1990 die deutsche Einheit besiegelt und die Wiedergruendung Thueringens vorbereitet wurde, musste schnell gehandelt werden, um den Ruin der Thueringer Kulturlandschaft zu verhindern. Damals konnte nur der Bund helfen, die (wenn ich mich recht erinnere) acht Dreispartentheater und elf Sinfonieorchester (neben der Klassik in Weimer, dazu einer Vielzahl von Museen und anderen  Einrichtungen) mit Uebergangsfinanzierungen in die neue Zeit zu ueberfuehren. Und auch wenn seitdem manche Sparte geschlossen wurde und viele Museen am Existenzminimum nagen, ist es doch irgendwie bis zum Jahr 2010 gelungen, eine Menge von jener Substanz zu erhalten, um die es bei dem gleichnamigen Programm des damaligen Bundesinnenministers Schaeuble gehen sollte.

Selbst wenn es sie geben wuerde, mit neuen kurzfristigen Finanzspritzen ist heute weder dem Freistaat insgesamt, noch seiner Kultur zu helfen. Geld wird auch in Zukunft gebraucht werden, aber Geld allein hilft diesmal (anders als 1990) nicht. Ich moechte mich deshalb auch nicht an Spekulationen darueber beteiligen, wann welche Kommune ihr Theater vielleicht nicht mehr finanzieren kann und was das zustaendige Fachministerium dann machen wird.

Stattdessen habe ich die Idee eben dieses Ministeriums begruesst, mit einer breiten Diskussion den bislang in Deutschland einmaligen Versuch zu wagen, ein Kulturleitbild zu entwickeln und damit eine inhaltliche Bestimmung zu formulieren, welche Rolle Kultur in Thueringen in den kommenden zwei Jahrzehnten spielen sollte und was dazu noetig waere. Die Initiative fuer ein Kulturleitbild sieht wie eine Auszeit anstehender Haushaltsdebatten aus. Fuer einmal soll es nicht um Zahlen gehen, sondern um Inhalte. Nicht darum, wieviel sich Thueringen noch leisten kann, sondern darum, wozu was eigentlich gebraucht wird.

Dass weitere Reformen und Einschnitte kommen werden, scheint unvermeidlich. Trotzdem (oder gerade deshalb) glaube ich, dieses Land muss in eine Gegenoffensive gehen. Thueringen, seine Gebietskoerperschaften und Kultureinrichtungen sollten nicht nur am Bestehenden sparen, sondern trotz oder gerade wegen finanzieller Not Neues wagen. Wenn Aida nur noch mit einem Doppelquartett aufgefuehrt werden kann, ist die Oper keine Oper mehr. Wenn Museen auch noch den Museumspaedagogen abschaffen, werden sie bald keine Besucher mehr haben. Das mag vereinfacht klingen, aber ich denke, mit fortschreitender Miniaturisierung der bestehenden Kulturlandschaft wird Thueringen bestimmt weder attraktiver, noch produktiver. Wird das Land keine neuen Menschen anziehen, um sich hier niederzulassen oder immerhin seine Museen und Buehnen zu besuchen.

Ohne der Leitbilddiskussion vorgreifen zu wollen, meine ich, folgende Dinge koennten Thueringen helfen, eine langfristige Perspektive fuer seine Kultur anzugehen.

  1. Mehr Innovation! Die edle Traditionen hin oder her, Kulturinstitutionen in Thueringen muessen sich staerker als bisher auf die Gegenwart einlassen. Das Land braucht mehr zeitgenoessische Kunst, mehr Film, wahrscheinlich auch mehr Populaerkultur.
  2. Mehr Kreativindustrie! Man muss nicht immer allen Laerm ernst nehmen, den der Zeitgeist so verursacht, aber es hat sicherlich seine guten Gruende, dass alle Welt derzeit ueber die Kreativwirtschaft und ihre Rolle bei der Entwicklung der Arbeitsmaerkte spricht. Auch das Thueringer Ministerium fuer Bildung, Wissenschaft und Kultur hat einen Bericht in Auftrag gegeben. Ergebnis: Es ist gar nicht so leicht herauszufinden, wie gross das Volumen im Kultursektor ist, es liegt irgendwo zwischen 1 und 1,5 Mrd Euro. 25 % der Ausgaben entfallen auf die oeffentliche Hand, also auf Subventionen, in Niedersachsen sind es nur 10 %. Die meisten der Wirtschaftszweige repraesentieren klassische Bereiche wie Druck und Bau. Da bekommt man nicht unbedingt den Eindruck, Kultur sei ein Wirtschaftsmotor der Zukunft. Aber das muesste sie werden.
  3. Mehr Stadt UND mehr Land! Thueringen muss zugleich staedtischer und laendlicher werden. Entlang der beruehmten Staedtekette braucht Thueringen mehr Urbanitaet, um damit tatsaechlich neue Menschen ins Land zu bringen. Thueringens Staedte muessen also attraktiver werden und im Wettbewerb mit z.B. Kassel, Nuernberg, Halle, Magdeburg, Chemnitz oder Leipzig besser abschneiden.

Thueringen, die geografische Mitte Deutschlands, ist aber zugleich Deutschlands groesster und wahrscheinlich auch schoenster Kultur-Park: eine Landschaft, die sich mit den beruehmtesten Kultur-Regionen Europas messen laesst. Die Toskana ist bekannt fuer ihre Renaissancestaedte und deren unvergleichliche Schaetze. Sie ist aber auch bekannt fuer ihre Landschaften, die zwischen den Staedten Florenz, Lucca, Siena oder Arezzo liegen. Die Landschaft ist dort nicht nur das Dazwischen, sondern der alternative Ort, an dem ein anderer Tourismus stattfindet und vor allem auch eine andere Kultur etabliert ist. Ist es etwa weltfremd, sich Rennsteig, Schwarzatal, Vordere Rhoen oder Suedharz als einen faszinierenden Kulturraum vorzustellen?

Der Regierende Buergermeister von Berlin hat einmal behauptet, seine Stadt sei arm, aber sexy. Sollte Thueringen auf dem Weg sein, arm und unsexy zu werden? Ich wuensche diesem Land etwas anderes. Ich wuensche ihm den kulturpolitischen Mut, das Neue zu wagen, und das kulturpolitische Augenmass, das unverzichtbare Bestehende zu erkennen und fortzufuehren.

Vortrag auf der Landeskulturkonferenz Thueringen 2011, Sondershausen. 

Eine gekürzte Fassung wurde in der Thueringer Allgemeine veröffentlicht. 

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